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Full text of "Aus dem Seelenleben des Blinden"

2lus bem 
Seelenleben bes Blinben 1 

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AmericanFoundation 

FORTHEBUNDinc. 



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2tus bem 
Seelenleben bes Blinben 

ißtydjologtfclje Stubie. 2luf ©rimb perfönlid)er 

$5tobad)tm$tnti.Dr.'§evb.x>.&evfyaxbi 

Herausgeber ber „äRonat§fd)rtft für 

£>eutfd)e Beamte, ämtglieb be§ 

^eid^augfdjuffeS für 

^rieg§bltnben= 

fürforge. 








9tad)bruck oerboten! 



W 



ftranffurt am Main 1916 

©ruck unb 93erlag oon (Emil 9H ü n ft c r. 










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[ ! ß '. ; ', .' 



.. 



3nfyaltsüberftcfyt. 



$orrebe ........ 

1. (Smteitimg ....... 

2. ©inntidje Sßafjrneljjmungen . ♦ 

3. £)a3 Drientierungäüermögen 

4. SDtc ©enftätigfeit 

5. $)a8 Verbergen öer 53ünbfjeit . 

6. ©er ^tinbe unb bie ßimft . . 

7. ®emüt unb (£$arctfter . . . 
8« ©er 33linbe unb feine Seiftungen 
9. Neigungen be§ 33ünben . . . 

10. ©as> Traumleben be3 Sltnben . 
©djlufjTüort. ...... 



Seite 


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Dorrcbc. 




VV VW VV W 77 W VV W VV W 77 W W VV VV VV 

nter ben Dielen fogialen $erpftid)tungen, bie ber blutige 
Söeltfrieg unferem 33olf auferlegt §at, erfdjeint un§ bie au3= 
reidjenbe gürforge für bie $riege>befd)äbigten als eine ber 
oornel)mften. 2öer im £)ienft für ba3 $atertanb brausen auf 
bem fampfumtobten ©d)fad)tfetb feine ©efunbfjeit opferte, barf 
nid)t lebiglid) mit einer Diente abgefpeift roerben, bie if)tn oietleid)t gerabe 
ben junger fernhält, fonbern er Ijat einen moratifdjen 2lnfprud) barauf, 
nad) Wlb gtidjfeit roieber $u einem nü^lidjen ©Heb ber ©efettfdjaft gemalt 
3U ra erben. 

3Son alten $rieg§befd)äbigten aber befinben fidj biejenigen, bie iljr 
5lugentia)t gang ober pim größten £ett eingebüßt Iwben, ofme grage in 
ber bebauernäraerteften Sage. @s> gibt rooljl faum einen härteren ©cfyicffafsU 
fdjlag, al§ au3 ber 2öelt be3 Sid)t3 plöyid) in lebenslängliche ^adjt unb 
ginfterniS geftürgt gu roerben! üttögen aud) bie !örpertid)en ©djmeqen 
DerljättniSmä^ig rafdjer überrounben raerben af3 bei oielen anberen $er= 
le^ungen, fo bleibt bod) ber feetifdje ©djmerg gurücf, gegen ben fein 2lr$t 
ein Mittel §at. 

yik raieber bie ©efid)t£>3Üge feiner Sieben, nie toteber bit Ijeimifdjen 
gturen fefjen gu fönnen, ift fo fjart unb fo ferner, bajs mir iljm nid)t3 
(55teitt)e§ an bie (Seite gu (teilen oermögen. £)er $rtegs>blinbe ift auf 
einmal oon feiner Umgebung abhängig geworben, er bebarf eines» güfjrerS, 
roenn er auäge^en miß, er brauet einen $ortefer, raenn er ben ^xifyatt 
ber 3 e ^ un 9 0Der e ^ neg S3nefc§ erfahren möchte! 

(Sonnenfdjem unb 23lumenprad)t, aöe§ ift für i^n oerfunfen unb 
a,en>iffermaj3en oereinfamt tappt er einher, nur auf bie ©inbrücfe angeraiefen, 
bie ü)m feine übrigen oier ©inne oermittetn- Unb bodj ftecft aud) in iljm 
eine ©eele, ein rühriger @eift, ber nad) Betätigung fajreit unb ben 
Blinben anfpornt, aud) unter ben neuen, ferneren $erl)ättmffen nidjt bem 
HRüfu'ggang unb bumpfem |>inbrüten $u oerfallen. 



£)a erroadjft für unS 2Me, §u bereu ©d)u^ ber JMegSblinbe fein 
föftliclifteS ®ut, baS 2luge, geopfert §at, bie ertifte unb Ijeitige tpftid^t^ 
unS feiner an^unelnnen unb iJjn fo gu pflegen unb $\ leiten, bajj er raieber 
greube an feinem ©afein empfinbet unb in bie Sage fommt, ^iu^tittjeS ju 
rairfen uub gu fc^affen* 

2Benn mir biefe ^o^e Aufgabe aber audj roirtTiti) coli unb ganj 
erfüEen motten, ift eS unerlägtict) notraenbig, ben 23linben als folgen 
näljer fennen 3U lernen unb gu erforfdjen, roeldjer 9lrt feine jBebürfniffe 
finb unb oon melden feetifäjen Momenten fte beftimmt raerben. 

£)iefeS gorfdjen unb kennenlernen gu erleichtern, foü ber groetf 
fotgenber feilen fein* «Sie motten feine pft)ti)ologifd)en ^euentbecfungen 
bringen, fonbern nur baS Ergebnis jahrelanger, aufmerffamer 23eobad)= 
tungen barftellen, bie ber $erfaffer felbft machen fonnte* £)er 33linbe 
fott bem Sefer als teufet) näljer gerücft unb beS 2Ibfonb erliefen entfleibet 
raerben, mit bem man ilm irrtümlicfyerraeife nod) oielfad) umgibt 

granffurt cu 3&, SBalbftr. 68, 3m 6ommer 1916. 

Dr. t>. (S erwarbt. 



\. (Einleitung. 



j7tdjt§ ift ftfjwieriger, alä ftd) in ba3 Seelenleben eine§ anberen 
^ V^ftenfdjen fo ^memguüerfe^en, bag man Beurteilen fatm, in welchen 
Halmen jtdjj fein |S)en!en unb (Smpfinben oottjie^t, unb meiere roed)= 
fetnben ©efüfjle burd) bie oerfdjiebenartigen äußeren ©inbrütfe auägclöft 
werben, bie fidj ja aud) niemals nad) feften Regeln einftetten, fonbern 
taufenbertei Schwankungen unterworfen finb. $)af, wa§ wir im alltags 
liefen Seben mit „Stimmung" unb „©emüt" gu bezeichnen pflegen, 
5lu3brücfe, bie fetbft Äinbern fdjon geläufig finb, ftellt in 2Birftid)fett ein 
fd)raieriges> pft)c^ologifcr)e§ Problem bar, beffen Söfung nur in ©in^etfdlten 
unb bann aud) faum reftto§ möglich fein wirb« Stimmung unb ©emüt 
finb graei innerlid) oerwanbte, eng mit einanber oerbunbene begriffe ; 
wäljrenb Stimmung im allgemeinen eine oorübergeljenbe ©rfdjeinung 
begegnet, bitbet — wenn wir fo fagen bürfen — ba3 ©emüt bie Summe 
ber am meiften oorljerrfdjenben Stimmungen, bie {cber'geit ba§ getreufte 
Sptegelbitb be3 tatfädjlidjen feetifdjen ^uftanbeg barftellen. 

5lu§ Ijäufig weajfelnben Stimmungen fdjtie^en mir auf ein un= 
ru^tgeg Seelenteben, foweit wir mit einem folgen 2lu3brucf operieren 
bürfen, wäfjrenb mir aus> bem „weichen" ober „garten" ©emüt meift 
ptreffenbe Sdjlüffe auf bie Senfibitität ber $ft)d)e ju gießen oerrnögen. 
SSietteidjt mürbe fid) bie 5ften|d$eit gtücflidjer fügten unb manche £anb= 
tunggroeife geregter beurteilen, wenn fie biefen l)od)intereffanten gragen 
me^r 2lufmer!fam!eit raibmen mürbe, hk aHerbings> ben ßaien häufig genug 
t)or fdjeinbar unauflösliche Dtätfel ftellem 2Bir!tid) einroanbfreie, b. % 
rein objefttoe Beobachtungen auf biefem ©ebiete Ijaben mir eigentlich erft 
ba, roo ba§ normale Seelenleben aufhört unb fid) bem ^3atfwtogifd)en 
nähert @§ mürbe inbeffen ben Dornen ber oorliegenben Betrachtung 
üb erf freiten, wenn mir bei bem fornpli^ierten Problem ber ©ren^= 
beftimmung gwifdjen normalem unb angefränfeltern Seelenleben oerroeilen 
wollten, gumal e3 nid)t unfere 2lbfid)t ift, einen 2lu3fdmitt auä ber all= 
gemeinen ^fr)d)ologie gu geben, fonbern wir lebiglid) im 2luge tjaben, baä 
3ntereffe weiterer Greife auf ein Spezialgebiet ^u teufen, ba% Utytx au3 
natjetiegenben ©rünben mit am wenigften bearbeitet würbe. 



2öir meinen bct§ pfttdu'fcfye 2Sirfen ber Bltnbljeit in if)ren oer= 
fdjiebenen 2lbftufungen, benn beren gibt es» fo oiele, als ungefähr im 
tanbläufigen 2tu3brucf „Btinbe" erjftieren* ©erabe biefer Umftanb aber 
geftaltet btö berührte Problem fo fomptigiert unb unüberficfytiicf), baß 
roir baranf oergiäjten muffen, allgemein gültige §t)potfjefen aufstellen, 
un§ oielmeljr barauf befd)ränfen, einzelne, immer raieberfel^renbe unb 
befonbers> ^erüorfte^enbe ©igentümlictjfeiten aufzeichnen unb mit ben 
forrefponbierenben £atfact)en, roie mir fie bei Boßfinnigen beobachten, in 
Begielfjung gu fe^en. Hm roenig|ten3 einen einigermaßen fixeren 2ln§alt§= 
punft gu geroinnen, rootlen roir bie ©renge ber Btinbljeit bort gietjen, roo 
e3 bem 2lugenleibenben nod) möglid) ift, mit #itfe einer drille ober Supe 
geroöljntidje ©d)reib= unb Drucffdjrift gu tefen, (£r bilbet für un§ ben 
Uebergang gum Boüfinnigen unb fotl in ben naä)fte§enben Betrachtungen 
nid)t berütffidjtigt roerben« (£3 fei ferner barauf ^ingeroiefen, baß e3 für 
bie ^ßft)cf)ologie oon 2lu3fd)tag gebenber Bebeutung ift, $u unterfd)eiben, 
roann ba§ einzelne Snbioibuum oon bem Bertuft be3 2lugenlitt)t3 betroffen 
rourbe, ob biefer ^eitpunft mit Oer (Geburt gufammenfiel ober erft in 
einem 2Uter eintrat, roo oon ben 3lugen fdron ein beroußter, fritifdjer 
©ebraud) gemalt roerben fonnte. 



2. Sinnliche XPafyrnefymungerL 

/Gine §t)pot{jefe ber alteren ^fucfyologie tautet: „Nihil est in intellectu, 
^i^quod non antea fuerit in sensu" ju beutfd) : /Jcur roa§ roir 
mit ben ©innen roaljrgenommen ^aben, fommt un§ gum Beroußtfein' 1 * 
2öenn roir aud) fjeute tcmgft md)t me^r in ber Sage finb, biefe Behauptung 
at§ unbebingt richtig anzuerkennen, fo geigt fie un3 bod) mit größter 
Deutlichkeit, roelcfyen 2Bert man oon jeljer ben finnlidjen ^Bafjrneljmungen 
für bie Beurteilung intellectueller ^rogeffe beigemeffen $at. $n ber £at 
ift benn aud) unfere ©eele in fjoljem $ftaß oon ber Bermitttunggtätigfeit 
ber 6inne abhängig, bie unferem 3 entra ^ or 9 an / öem ®ef)irn, ftänbig 
neue ©inbrücfe gufü^ren, roeld)e biefeg anf feine 3lrt oerarbeitet unb un3 
in ber erforbertidjen Söeife gum Beroußtfein bringt ©tocft biefe Berbinbung 
mit ber un3 umgebenben Slußenroelt, bann erfährt unfere ©efn'rnfunftton 
eine Unterbrechung, bie fid) auf bie mannigfadjfte 2lrt äußert» (£ine 
abfolute dtvfyt beg ^ceroengentrumä gibt e3 befanntermaßen nid)t, felbft 
nid)t roaljrenb be3 6a;Iafe3, roofür un3 bie Traume als einfacher BeroeiS 
bienen fönnen* Diefe geigen un3 am beutlidjfien, roa§ in unferem ©e^irn 
Dor fic| ge^t, roenn bie gunftionen ber ©inne§organe au3gefd)attet finb. 



ßcingft gefammelte ©inbrüde unb Verkeilungen treten ba Ijeroor, bie 
un§ pufig genug infolge ifjrer bunten Kombinationen al§ etroaä neue§ 
erfreuten, eine Idufd)ung, hk in unaufgeflarten 3eiten 5 U Den aDen: 
teuerticfyften unb nrnftifdjften Slnfdmuungen führte. 

3e prägtfer nun unfere ©inne arbeiten, je forrefter bementfpreajenb 
bie 2BafjrneI)mungen finb, bie fte bem ($eljirn gleiten, umfo flarer unb 
gutreffenber roerben bie Silber fein, bie in unferem 33erouj3tfein erfdjeinen 
unb unfer Genien unb gürten beeinfluffen. $n biefem jgufammenljang 
erfdjeint eS ung notroenbig, barauf Ijtnguroeifen, ba$ man gemeinhin roofjl 
mit 9fied)t ber 5luffaffung (mlbigt, bie meiften ©innes>einbrMe mürben 
oermittelft be3 2luge§ gewonnen* 2ln bie groeite ©teile fe^t man ge= 
roölmlidj ba3 Olljr, roäljrenb firf) für bie übrigen ©inneöorgane eine be= 
ftimmte Dffcmgabftufung taum burdjfüljren lie^e* 3 eDen f a ^^ arbeiten bei 
einem normal oeranlagten Sftenfcfyen 5luge unb Oljr fo umfaffenb, bafj 
er bem ®erutf), ©efüljl unb ©efdjmacf bei bem ©ammeln oon (Sinbrücfen 
nur eine fehmbare 23ebeutung beimißt 

<Sa)on biefe eine geftftellung genügt un3 als> §mroei§ barauf, ba§ 
bei bem 33linben geraiffe — fagen mir — gunftionSoerfdjiebungen ber 
einzelnen ©inne ftattfinben muffen, ober ba§ er nur in ljöd)ft unoolI= 
fommenem Wla$ finnlidje (Sinbrütfe aus> ber 2lujjenroelt geroinnen !ann. 
Strafe ba3 Sediere gu, bann müfjte fid) ber 33tinbe in einer gang be= 
bauerlittjen Sfoliert^eit oon feiner Umgebung befinben, bie notroenbigerroeife 
eine au§erorbentlid)e £eere in feiner 23orftellung3roett im (befolge ^aben 
mürbe» 9fad) \)m obigen Darlegungen roären ü)m bann bie meiften (Sin= 
brütfe oerfd)toffen, ober nodjmaB beuttidjer auägebrücft, bie (£mbrüdfe, bie 
fonft mit ben 3lugen geroomten roerben. Keime biefer fanget ooll unb 
gang gur ©eltung, bann !önnte fid) audj bie ®el)irnarbeit nid)t lütfentoä 
oollgtefjen unb muffte unbebingt gu fdjroädjeren intellectuelten ^rogeff en füljren. 

3um ©lütf Ijat aber aud) Ijier bie Statur bie richtigen Mittel unb 
2öege gefunben, bie feetif d)en Störungen, bie eigentlidj burd) baS fe^lenbe 
Augenlid) t bebingt mürben, gum ^cil gu paralnfieren unb groar um fo 
oollfommener, je intelligenter ber 33linbe ift unb je eifriger er fidj beftrebt, 
felbft htn oerdnberten Sebenäoerljältniffen SRedmung gu tragen. Der jebem 
Snbioibuum inneroo^nenbe ©elbfterljaltunggtrieb leljrt ilm, bafc oon ber 
mögliäjft reftlofen (Srfaffung ber 2lu§enroelt, minbeftenä aber ber näheren 
Umgebung, ba3 torperlidje unb feelifd)e Söoljlbefinben abfangt, unb bie 
3aljl ber ©efafjren oerringert roirb, bie ilm tatfadjlidj umlauern. @r 
mufj ba^er oerfudjen, feine übrigen ©inne fo gu fluten unb auf beftimmte 
3raecfe gu fongentrieren, baft fte automatifd) einen £eil ber arbeiten mit= 
übernehmen, bie unter normalen $er!jältntffen nur oom 2luge geleiftet roerben. 



Blinbgeborenen, bie im übrigen aber geiftig rege ftnb, madjt biefe 
gunftion§r)erfd)iebung nicbt bte gerittgfte ©djnnerigfeit, roeil fie i|nen 
meiftens> gar nid)t einmal gum Beumgtfein Eommt, raäljrenb bie ©päter= 
erblinbeten erft einer geroiffen Spanne 3 e ^ bebürfen, hi$ fie fiel) an bie 
neue Situation gemeint Reiben, ©eljör, @efü§t unb ©erud) geroinnen 
für btn Btinben eine roeit fjöljere Bebeutung at£ für ben Bollfinnigen, 
benn fie bilben für ilnx bie «gmuptoermittler ber (BtmteSeinbrütfe, beren 
groecfentfpredjenbe Kombinationen gu Borftetlungen unb Gegriffen führen. 
Dag bie babei gu (eiftenbe ©eifteSarbeit eine unuer^ältniSmägig größere 
ift, fann nad) bem eben ©efagten faum nod) einem ^roeifel unterliegen, 
ergibt fiel) aber im Verlauf ber fpäteren Darlegungen mit nod) roeit 
fdiärferer Deutlichkeit, roaS bei ber Wertung be§ ©efamtproblemS nidjt 
überfein werben b.arf. 



3. Das (Drtentterungspermöcjen. 

"|^er ^Ränget in ber 23eroegung3frei!)eit ift einer ber jenigen gaftoren, bie 
"^^oem Blinben fein Seiben am ftfjmeqlidjften unb ftörenbften gum Be= 
rou^tfein bringen, Die Borftellung bei allen f leinen Ausgängen ftetS auf 
eine feljenbe Begleitung angeroiefen gu fein, brücft ifjn nieber unb geigt 
ü)m immer roieber bie grofte §itflofigfeit, in bie ifm ba3 feljlenbe 2lugen= 
fidjt oerfe^t Dag gilt namentlich für alle btejenigen, benen es> nidjt oer= 
gönnt ift, oon ber gürforge iljnen na^eftel^enber ^erfonen umgeben $u fein, 
fonbern bie barauf angeroiefen finb, frembe, meift begaste £ilf§fräfte an= 
guneljmen, Diefe Einengung laftet auf ber $ftel)rga!jl fo ferner, ba| fte 
oerfudien, fidj oon ü)r unter allen Umftänben gu befreien, foroeit e3 irgenb 
im Bereif ber ^öglidjleit liegt, allein l)ierau3 erflärt fiel) bie Vorliebe 
oieler Blinber, oljne güfjrer au3gugef)en, felbft roenn für fte ernfte ®e= 
fahren bamit berbunben finb. 

Dag roir e3 in biefen gällen Ijauptfädjlid) mit folgen ^erfonen §u 
tun Ijaben, bie nod) über einen geringen <Sel)reft perfügen, mag at§ un= 
erl)eblid) gelten, roaS mir ja in ben einteitenben Betrachtungen bereits 
Ijeroorgeljoben l)aben. 

Da nun ba% 2luge bem allein ge^enben Blinben bie Umgebung gar 
nid)t ober nur in fjöd)fi unooEfommener Sßeife geigt, ift e3 oon befonberem 
pfudrologifdjen 3rttereffe, feftguftelten, melier Hilfsmittel er ftdj bebient, 
um ftd) gu orientieren unb fid) oor unmittelbaren körperlichen ©efaljren 
gu fdjü^en, 

8 



2lm angefpannteften arbeiten naturgemäß bie ©eljörneroen, benn baS 
QJjr erlernt al3 ber berufenbfte Vertreter be§ 2luge3. $8on allen Seiten 
fängt e§ bie oerfd)iebenartigften Sdjaltraellen auf, bie ber 33ünbe geraiffer= 
maßen mit bem ©e^irn gu fortieren unb ju beuten Imt. 3 n festerer 23e$telmng 
legt ber an ba§ 2tlfeingel)ett geroöljnte 23tinbe eine faft fabelhafte ®efd)tcfltd)= 
feit unb Sid)erl)eit an ben Sag. So oermag er au3 bem auftreten ber 
23orübergeIjenben $u §ören, ob e3 fid) um Männer, grauen ober ^inber 
Ijanbett. @r achtet auf jebe3 nodj fo unfdjeinbare ©eräufd), baä üjm 
immerhin roertoolle Sd)tüffe ermöglichen fann. 2öie fid) ber Se^enbe 
an einer Straßenfreugung „umfielt", fo „^ordjt" ber 23linbe nad) allen 
Seiten unb oermag au<o ber ©tärfe ber Sajatlempfinbungen barauf 
gu fd)lteßen, ob unb oon metdjer Seite fid) ein guljrroerf nähert, ober 
ob eS überhaupt in gefaljrbrol)enber S^ä^e ift. Selbft ba§ leife Änirfdjen 
ber ©ummireifen an ga^rräbern fann er auf giemtidje (Entfernung pren, 
ein ©eräufd), ba§ oom Sefjenben meift unbeachtet bleibt. $)iefe £atfad)e 
§at mefjrfad) ju ber irrigen 2tuffaffung geführt, ba$ bie 23linb§eit eine 
abfotute Stärfung unb $erfd)ärfung be§ ®el)örS mit fid) bringe, roooon 
jeboct) burtt)au§ leine ffttte fein fann. ©er 33tinbe §at lebigüdj gelernt, 
ben Sdjaltempfinbungen eine größere 2lufmerffamfeit pgumenben, mag 
ber Sepnbe niajt nötig §at, ba iljn ba% 2luge oiet rafdjer unb fixerer 
orientiert, 2öir Ijaben l)ier nid)t§ 5lbfonbertia)eg oor un3, fonbern nur 
eine außerorbentliaje Schulung be§ Oljreg. 

3n biefer £ünfid)t oermag ber 33linbe inbeffen nod) meit erftaun= 
liefere gerttgfeiten an ben £ag gu legen. (53 genügt für feine ^roeefe 
Mne§raeg§, ben Straßenlärm, ber bem SeJjenben raie ein ruirreg Traufen 
unb ^aufajen erfd)eint, %u analogeren, b. I). in feine einzelnen Komponenten 
ju gerlegen, bamit er fidj über ba§ treiben ringsherum unterrichten !ann, 
fonbern er muß gelegenttid) aud) fetbft ©eräufd)e proomifen, bie er 
bann gur Orientierung oerraenbet. 

So ift e3 üjm beifpietätoeife münfd)engmert, gu roiffen, ob er an 
einer Läuferreihe enttanggeljt, ober ob fid) an feiner Seite freier D^aum 
beftnbet. ©in Ruften ober 2lufftoßen mit bem Stocf wirb ifm barüber 
fofort informieren, benn ber erzeugte Saut mirft anberö, menn er an eine 
^ftauer ftößt, al§ menn er fict) fd)ranfenfo§ nad) allen Seiten §tn oer= 
breiten fann. Setbft auf bie ungefähre £o§e ber feittidjen ferner etc. 
finb Sdjlüffe ttidjt unmögtid). 3Son gang befonberem 2Bert ift biefe 2lrt 
ber ©epräorientierung in gefdjloffenen Räumen, über beren ?luäbe^nung 
unb §öt)e ftd) ber 23tinbe rafd) eine 93orftelIung $u oerfdmffen fudjt. 
^ßor^anbene £eppid)e, ^olftermöbet unb bergt, bitben inbeffen hierbei 
große £inberniffe, meit fte ber freien Entfaltung be<o Sdjalleö im s -fikge 
flehen. 



$)ie biegbegügtidje ©eroanbtljeit gefjt fo weit, bag ein sßlinber am 
£tang feiner eigenen (Schritte gu l)ören oermag, ob ficf) in einem D^aum, 
beffen (Einrichtung er genau fennt, nodj ein ©egenftanb befinbet, ber für 
geroöljntici) nict)t barin ifi 3)te augerorbenttidje (Empfinbltdjfeit gegenüber 
ben ©djallroeflen behütet ifjn bei langfamem ©etjen in Dielen fallen 
t>or bem 2lnftoften, roobei allerbingä audj nod) anbere gaftoren mitgu- 
rairfen pflegen, auf bie mir nod) gu fprectien tommen werben. 

2Ug graeite§ Hilfsmittel bei ber Orientierung unb gortberaegung 
bient bem 23tinben ba3 ©efüt)t, beffen feinfter 2lu3bilbung er ja oon 
Dornigerem bie größte Sorgfalt angebeüjen lagt Da§ gilt namentlich 
für ben £aftfinn, raäljrenb bem £emperaturfinn, ber, raie mir fet)en 
werben, audj eine nicfyt gu unterfd}ä|enbe Atolle fpielt, feine befonbere 
©ctjutung raiberfäfjrt 

I)er ^aftfinn ift einer ber treueften unb guoetiäfftgften greunbe be§ 
23linben. (5t oermittett i!)m eine groge Julie oon (Einbrücfen, ermöglicht 
itjm ja aud) befanntermagen ba§ Sefen ber 5Blhtbenfdjrift, raa3 bm 
©e^enben faft burdjraeg nur mit ben klugen gelingt, raeit fie tt)re %ap 
nerüen mcr)t in gleicher SSeife geübt Ijaben, (£§ märe aber gängtid) uer= 
fefjlt, wenn man annehmen wollte, ba§ bie ^eroorragenbe £aftempfinbtitf)feit 
auSfdjliegtict) auf bie gingerfpi^en unb §änbe befcfjränft fei. 2öir behaupten 
im (Gegenteil, ba$ ber stürbe mit feiner gefamten £) autober fläche gu taften 
üermag, raobei natürlich nid)t in 2lbrebe gefteUt raerben foll, ba$ in 
biefer 33egiet)ung ginger unb £>änbe an allererfter ©teile fielen. 2luct) 
ift nict)t immer eine birefte ^erüljrung mit ber §aut notmenbig; fo gibt 
es> 531inbe, bie felbft mit §anbfcf)uf)en lefen fönnen, bie burc^ bie 
31'leibung l)inburct) auf bem 5lrm unb dürfen Xaftempfinbungen waljrnetjmen, 
wa3 ben Uneingera eisten nid)t feiten in ©tarnten oerfet^t. 

3>r allein geljenbe 331inbe bietet hierfür raieberum ba3 üielfeitigfte 
unb intereffantefte Material, $fteift rairb er ftdj eines> 8p agierftocf es 
bebienen, mit bem er mein ober raeniger umljertaftet : ©eine (Entfernung 
oon ber Läuferreihe ober bem D^anb beä 23ürgerfteige§ feftftellt, bie 2lrt 
be3 $f(after§ unb etraaige Unebenheiten be3 28egc3 fonftattert 23efonberS 
geübte ^erfonen oermögen biefe Unterf Übungen in giemticr) unauffälliger 
Söeife oorguneljmen, ba für fie fdran gang oberflächliche ^Berührungen 
ausreichen* 2113 ©tü£e, rate oietfacfy angenommen rairb, bient ber 8tocf 
be§ stürben nur in ben feiten ften gälten, benn er bebarf tljrer nio}t 
me^r unb nid)t raeniger als ber ^otlfinnige. 2Ba3 ber 8pagierftotf oer= 
fdjweigt, metbet ber gu§, ber burd) bie garten ©tiefetfotjten l)inburd) 
bie 5lrt be§ ^ftafterä ober ber fonftigen 2ßegbefe)tigung füfjtt, genug 
ein fd)tagenber Verneig für unfere obige $el)auptung! tiefer Umftanb ift 
für bie Orientierung oon gang l^eroorragenbem 2öert, inbem ber 23linbe 

\0 



baburd) einzelne ^tragen Dort emanber $u unterfdjetben oermag unb fiel) 
auf biefen wieberum befonbere 2lbfdjnitte merft, beren Äenn^eic^en eben 
bie Steine, £rottoirptatten u. f. m. bitben. Verfügt ber 23linbe nodj über 
einen ba^u au3reid)enben Set)reft, fcmn i§m aud) bie Ijäufig roedjfelnbe 
garbe ber Käufer, ba§> $orl)anbenfem t)on Sdjaufenftern, auffatlenben 
bunten girmenfd)itbern unb bergl. gur Orientierung bienen, alles Dinge, 
bie an ba3 Sehvermögen leine fonberlid) ^o^en 2lnforberungen [teilen. 

3n wertoollfter 2öeife werben ®epr unb ®efül)l burd) ben Iempara= 
turfinn unterftü£t, eine Xatfaaje, bie gewöfmlid} bei ben ^otlfinnigen 
nur bem atlergeringften $erftänbni§ begegnet, 2lber aud) Ijier geljt atleä 
mit natürlichen fingen $u: @s> Rubelt fid) um nidjtg anbereä, al3 um 
eine auf 3 äugerfte fon^entrierte 2Iufmerffamfeit unb möglid)ft t)otlfommene$> 
«Sammeln oon Erfahrungen unb perforieren ©mpfinbungen. @§ muß 
gum klareren 3SerftanbniS immer wieber barauf l)ingewiefen werben, baf} 
bem 3SoUfinnigen bie nämlichen gäln'gfeiten in gleicher $aljl unb ^ntenfität 
gegeben finb, bajs er fie nur nid)t beamtet unb auäbilbet, weit fie burd) 
ba% 3lugenticf)t für ilm überflüffig gemalt werben. Seljr ferner ift e3, 
eine ^utreffenbe, p(r)d)ofogifd) einwanbfreie (Sfjarar'terificrung ber 
2Birfungen be§ Temperatur finn§ für ben stürben 31t geben, gumal biefe 
inbiüibuell oerfdneben finb unb fid) baljer laum in eine allgemein gültige 
Otegel faffen laffen. 3mmerljm eröffnet ftdf) l)ier bem (Jrperimentat^ 
photogen ein weitet gelb neuer gorfdjertätigfeit, bie nod) ju über= 
rafdjenben Drefultaten führen tonnte. 

2öir wollen un3 begfjalb barauf befd)ränfen, aud) Ijier nur einige 
befonberg tjeroorftedjenbe Xatfadjen aufgi^eidjnett, mag ja für ben 3wetf 
ber norliegenben Schrift at3 ootlfommen au§reid)enb erfdjeint. 2Bie fid) 
jebermann leicht ju überzeugen nermag, weifen alle ©egenftänbe eine 
gewiffe Temperatur auf, bie je nad) ber gufammenfet^enben Materie oer= 
fdjieben ift. ©0 fütjtt fid) Metall im allgemeinen talter an aU Jjpotg 
u. f. f. Da nun nad) belannten pl)r)fifalifd)en ©efe^en alle Körper \>a% 
33eftreben fjaben, iljre Temperatur ber umgebenben Suft 3U affimilieren, 
raa§ 31t ber (Sntbecfung „guter" unb „fdjledjter" Söärmeleiter führte, 
finbet ftänbtg eine Strahlung ftatt, bie ^um £eit in Sßärmeabgabe, gum 
£eil in 28ärmeaufnaf)me befielt. §ierau§ ergibt fiel), ba$ um \ebm 
©egenftanb Ijerum entfpredjenbe öuftftrömungen — mögen biefe aud) nod) 
fo fc^roac^ fein — Ijerrfdjen, bie umfo intenfber fein werben, je größer 
bie augftra^tenbe ober auffaugenbe glücke ift, unb je Ipöljere £emperatur= 
unterfdjiebe ^mtfdjen biefer unb ber umgebenben 2Itmo3pl)äre befielen. 
Dag bie l)ier angebeuteten ^tffimilationgpro^effe felbft gu faft winbäl)ntid)en 
Suftberaegungen führen fönnen, wirb burd^ nautifdje Beobachtungen oiel= 
fac^ beftätigt. So fonnte man an bem füllen Suft^ug gelegentlich bie 

\\ 



2lnndljerung rocmbernber (Si^Berge aufjerlmlb ber ^otargottc roaljrneljmert, 
ein Ereignis, ba§ faft aflja^rüdj im 2Ittantifci)en Ogean beobachtet 
m erben fawu 

3n unferem aütäglicben Seben ro erben un§ inbeffen fo heftige 
8traf)tungs>roirfungen nur anwerft fetten begegnen, fobaß e§ faum oer= 
munberlid) erfdjeint, wenn man biefen £atfad)en gemeinhin mctjt bie 
geringfte SBebeutwtg beimißt (Sine 2lu3nal)me Neroon madjt aber roieber= 
um ber allein geljenbe 23linbe, ber ja, rote fdjon mefjrfadj betont, ein 
äugerft fct)arfer 23eobad)ter feiner näheren Umgebung tft unb fein muß. 
(§r oermag au3 ben £emperaturau3gleid)3beftrebungen großer ©egenftänbe 
auf beren $orljanbenfein gu fdjließen unb feine Stritte banaci) einzurichten. 
Er füljtt beifpieläraeife auf biefe 3lrt, ob er fiel) einer $eauer nähert, ob 
er an einer offenen £au§tür ober ®rube vorbeigeht, ober ob fidj neben 
if)tn nur ein Jpot^aun befinbet 2ßir bürfen rao^t auf ©runb ber big- 
Ijerigen Erfahrungen behaupten, baß biefer fo fein arbeitenbe Temperatur? 
finn, ber unenbtid) oiet ^ur Orientierungs>mögtid)feit beiträgt, oorneljmlict) 
in ber ^autofcerfladje be3 ©efidjtS feinen ©itj Ijat, benn biejenigen 
©egenftänbe, bie nidjt big <$ur ®efidjt§§ölje hinaufreichen, werben meift 
nid^t meljr malgenommen. 

Selber ift biefem f)od)intereffanten ^änomen feitenS ber @rperimental= 
pfudjotogie bisher nid)t bie gebü^renbe 5lufmer!famleit gugeraenbet morben, 
fobaß mir oorläufig nod) lein enbgüttigeä Urteil barüber abgeben fönnen. 
@el)r empfehlenswert märe e§ inbeffen, umfaffenbe $erfud)e in biefer 
3ftid)tung anstellen, bie aller $orau§fid)t nad) $u wiffenfdjafttid) §ocf)= 
bebeutfamen Ergebniffen führen müßten* Eine nidjt unerhebliche 
ErfctjwemiS fofdjer Experimente ift atlerbtngg barin $u erbticfen, baß fidj 
bie meiften 33linben über biefe plmfifatifd)=pfr)c^otogifd)en ^b anomene 
felbft leine Dfted) enfdjaft ablegen unb über bie einzelnen (Jaufat^ufammen= 
Ijänge nidjt nachgrübeln. Unb bod) oerfügt jeber intelligente 33tinbe über 
bie gefctnlberte 2Baljrael)mung3fäljigfeit, raenn aud§ natürtidj in inbünbuett 
oerfdjiebenem 9Jeaß. 

Eine wertvolle Ergänzung erfährt ber £emperaturfinn burct) ben 
®erud), ben ja unleugbar aud) jeber ($egenftanb aufweift, unb ber burd) 
äußere Einwirfungen raie §i£e ober ^ftäffe etc. ftarf beeinflußt merben fann. 
E3 ift bal)er feine§weg3 parabor, raenn mir behaupten, baß ber 33linbe bk 
©egenftänbe nid)t nur Ijört unb füfjlt, fonbern aud) — „riedjt". 

(Beine D^afe melbet iljm, ob er an einem grünumranlten Spalier, 
an einer ^auer ober einem £ot^aun vorübergeht, roie fie ü)m ja aud) nodj 
viele anbere Orientierung3mögtitt)feiten an bie £anb gibt, an benen ber 
©eljenbe ad)tlo§ vorübergehen fann, <So erleichtert bte ^afe ba§ 3luffinben 
von ©efdjäften, benn ber ®erud) einer Rapier!) anblung unterfdjeibet fiel) 

\2 



* 



immerhin roefentlidj O'btt bem eine§ SBäfdjelabeng, oon 23äcfereien, 2lpotr)efen 
unb ftoloniatroarentäben gar nid)t 31t reben. Selbft bei ber Unterfct)eibung 
einzelner 9flenfdjen fann il)m bie 9cafe roertoolle Dicnfte leiften, ba 
befannttid) bie §autau3bünftungen inbbibuetl fet>r Barrieren, olnte bag 
eine befonbere 2tuffälligfeit üorgutiegen braucht 

2lu§ ben uorftc^enbeh furzen Einbeulungen erfeljen roir, ba§ ber 
Ölmbe auf ber Strafe feine§roegS gang fo IjilfloS ift, aU eg auf ben 
erften 23licf erfct)etnert könnte, baft er melmefjr über Sinnestfräfte uerfügt, 
bie iljm teitmeife für einen flehten Umfreig» ba3 Selben erfetjen, bie aber 
bem s -Botlftnnigen fo ferntiegenb oorfommen, ba§ fie iljm oielfad) rätfetljaft 
bleiben. X)a3 t)at (eiber bagu geführt, einer gang abenteuerlichen 
Etnfdjauung s Jto§nmg %a geben, { hk barin gipfelt, bem Slmben einen neuen 
Sinn, ben fogenannten gernfinn gugufpreajen, für ben mir ben tarnen 
„Drientierungäftun" noct) gutreffenber gefunben ^aben mürben, 

$ön biefem Sinn ift natürlich gar feine O^ebe : £er 33 Unb e n er fügt 
über nia)t mein unb nictjt weniger pfi)d)ifd)e Gräfte at3 ber Sefjenbe, unb 
mag Ijier at§ ehna§ ^u§ergeraö^nlia)e§ erfa)eint, ift ntctjtg anbere3 at3 
bas Ergebnis fongentriertefter Selbftbeobad)tung unb Schulung ber oer= 
fdjiebenartigen Sinuegmerfgeuge. %m beften unbertegt toirb übrigens» bie 
gernfinut)t)potl)efe burd) bie unbeftreitöare geftftellung, baß biefe faft 
trau^enbeutal gu nennenbe g-ö^t'gfcÖ fofort öerfagt, wenn wir bie um= 
gebenben Jßertyältuiffe entfpred)enb geftatten. Stellen mir beifpieläweife 
einen fonft fiajer gebenben 43liuben in einen non ^afa^inenlärm unb 
£)unft angefüllten gabriffaat, fo mirb e3 um feine Orientierung fd)led)t 
beftellt fein, wie auct) anbererfeitä ein ftarfer ©türm, ber bie Sct)att= 
SKärme^ unb ©erud)3wellen ftänbig nennest, ein großes» ,fünbentis> für 
feine fiebere Fortbewegung bilbet Sdjüeßliaj ift nod) nirfjt oerfud)t worben, 
ben fogenannten „gentium" irgenbmie gu lofattfieretu Sein SU3 fönnte 
groeefmäßigermeife nur in ber ,£autoberfläd)e fein, a6er fd)on ber llmftanb, 
baß nur @egenftänbe in @efid)t3t)öl)e „ferngefüljtt" werben, fpridjt 
entfd)ieben genug gegen eine auf eilige Verzweigung ber etwa pofrulierten 
befonberen „gernneroen". ©ingeine 2Bal)rnef)mungen mit ben altbefannten 
Sinnen finb e§ allein, bie ber ^linbe in gwecfeutfprect)enber s I£eife 
fombiniert, mag immerhin als eine niajt geringe Seiftung angefprodjeu 
werben tmt^ 

§eruorgeI)oben fei enblid) nod), baß bas „gerngefülH" mit ber 
Stärfe Des nod) oor^anbenen Seljreftes abnimmt unb formt bei uötlig 
©rbtinbeten am £)eutlid)ften in (£rfd)eimmg tritt 5lud) tjter gef)t bie s Jcatur 
mit il)ren ©aben t)au3l)ätterifd) um, inbem fie ba f wo bas $iuge nod) eine 
einigermaßen nennenswerte ^eobact)tungsmöglid)feit befit^t, bie oorermälmten 
§al)igfeiten nidjt ooll gur Entfaltung fommen lägt @8 märe nun aber 



gänglid) oerfeljlt, ba3 „gern fügten" atä etroaS abfotut Botlfommeneg an- 
fpred)en gu wollen, benn e§ bilbet immerhin nur ein Surrogat, raenn aud) 
für ben Blinben ein anwerft mertootleg, ba3 inbeffeu niemals mit ben 
tatfäcr] tiefen ©eljmaljrnelmmngen fonturrieren fann. 9lud) nidjt unerraälmt 
mag bleiben, ba§ e3 bem Blinben hti ber nötigen Uebung gelingt, einen 
relatio gro§ gu nennenben 9hit$en au3 [einem Setyreft 31t ^iefjen unb fid) 
ein Bilb fetner Umgebung 31t fd)affen, baä meÜeidjt nicfyt immer in alten 
Stücfen gan^ gutreffenb ift, i§m aber bod) einen geroiffeu ^luefd^nttt au3 
ber ^lugenraelt oermittett. £)ie3 gu öe'rfie§en, mag bem Uneingeweihten 
fdjraer fallen, raie e3 aud) nitfjt leidet ift, alle berartigen latfadjen in 
eine einheitliche gormet gufammen^ufdjlie^en ; mir muffen m% eben immer 
raieber bamit begnügen, bie gemachten Beobachtungen unb Erfahrungen 
einfad) gu regiftrieren. 



4. Die Denftättgfät. 



3n ber D^atur ber Sad)e liegt e3 begrünbet, baj3 ein oerljältniämäfiig 
groger £eil ber Denftätigfeit be£ Blinbeu barauf gerietet ift, 
(Sinbrürfe gu fammeln, biefe in Be^ieljung 31t einanber 311 fetjen 
unb gu fombinieren, benn aud) er fjat ba$ innere 33ebürfni3, fomeit 
alä irgenb möglich mit ber umgebenben lu^enraelt in ftanbiger güljtung 
gu bleiben, unb ba3 mag bem Setjenben gteidjfam mü^eloä in ben 
Sdjog fallt, ftettt für it)it ba3 ^probuft gtemtid) fomplt^ierter ©et)irn= 
funftionen bar, (Sfje fid) bie geraonnenen (Singeteinbrücfe für üjn gu 
Borfteltungen unb Begriffen oerbid)ten, muffen fie forgfältig geprüft unb 
mit ben früheren Erfahrungen oergtid^eit werben, roeit fie fonft feinem 
fritifd)en Empfinben nict)t Stanb gu Ratten oermögen. T)a$ hierbei 
aud) baS ®ebäd)tni3 eine befonbere Atolle gu fpielen t)at, ergibt fid) au§ 
bem ($efagten oon fetbft, fobag e§ uns» faum Sßunber nehmen barf, 
wenn mir bei bem Blinben in biefer §infid)t eine oft gerabe^u erftaunticfye 
Spülung antreffen, ©er Blinbe ift barauf angeraiefen, möglictjft alleö, 
wa3 er einmal wahrgenommen unb erfahren Ijat, feinem ©ebäctjtrtiö feft 
einzuprägen, bamit er bei wieberfetjrenbeu gleichartigen Situationen nid)t 
immer genötigt ift, bie mutante, oielen läufdjungen unterworfene üfteu= 
Orientierung öor^uneljmen. ©eine @ebanfenarbeit oollgie^t fid) baljer 
gemölmtid) in einer grunbfa^tid) anberen $ttd)tung al3 bei bem Bollfinnigen, 
rva% ein Beifpiel erläutern mag. 

£ritt eine frembe s }krfon in ba3 ^immer e ^ neg Sefjenben, fo 
fann biefer fd)on burdj einen rafdjen Blid fofort einen ©ejamtembruef 



gerauntem Er ift über ®roße, Üfetbung, $efd)ledjt, ungefä^reg 5llter, 
©efidjtSauäbrutf unb bergt im ßauf eineg 2lugenbticf3 unterrichtet unb 
fann fein eigenes Begatten öanacfj ehtricrjtcm (Srft allmät)(icr) geljt er 
bagu über, Einzuleiten feft^ufteüen, bie für i§n trau ^ntereffe ober 
Bebeutung jtnb. |>ier befinbet fic^ ber Btinbe entfctjteben im 9cad)teit 
Er Ijat jimddjft rttcfjt ben minbeften ©efamteinbrud 3uerft wirb er 
oieileidjt burdj ben ©rufe ^ Stimme ber fremben ^erfon rjören, bie u)m 
auf ©nmb feiner Erinnerungen aud) Sdjlüffe auf ©efdjledjt, ungefähres 
Sllter unb Körpergröße ermöglicht, bann rairb er ben ipänbebrucf füllen, 
unb auS biefem immerhin bürftigen Material muß er fid) ein 33ilb 
fonftruieren, bau aud). fein Behalten bi§ $u einem geraiffen ®rabe 
beeinflußt Er rairb aber ftetS guttun, etroaS 3urücQaltung unb Borficrjt 
an ben £ag 31t legen, ba feine erftmaligen Beobachtungen nict)t immer auf 
unbebingte SRtäjtigfeit 2Infprud) ergeben fönnem 

Sein Renten arbeitet frmujetifd), ractrjrenb baS beS Sel^enben 
analntifd) genannt raerben fann, eine geftftetlung, bie bei ber raeiteren 
Beurteilung augenfdjeinlidjer Etgentümlidjfeiten im Seelenleben bes> Btinben 
nidjt f)od) genug 31t t)eranfd)tagen ift hierauf rjaben aud) bie Btinbem 
teurer bei ber Erteilung beS 2lnfd)auung£>unterrid)t£> ben größten 2öert ju 
legen, beun ein 9lußerad)tlaffen fann bem öernenben foraol)l raie bem 
Öelrrenben ben Unterrtdjt außerorbentlitt) mutant geftattem Sobalb ber 
Btinbe einen ifun fremben ©egenftanb, ba$ hobelt eine§ £iere§ etc., in 
bie £anb befommt, betaftet er biefen gunädjft anfd)einenb planlos, fuct)t 
aber in 2öirfüd)feit nad) ^ert)orfted)enben ^erlmalen, bie biefen ©egenftanb 
trau bereite früher angefüllten raefentlid) unterfdjeibem Erft trau biefem 
Befonbeten geljt er ^um allgemeinen über, elje er bie tatfäd)tic^e Söefenljeit 
in fia) aufnimmt Dem Er^erimentalpfncrjologen rairb biefeS gattum nid)t3 
s Jeeue3 bieten, ba er raeiß, baß bei ben Kinbern im allgemeinen bie 
Denttätigfett in gleicher Ducfjtiutg oorfd)reitet 9lud) bei ü)nen feffett 
beifptelSraetfe baS ©eraeilj eüteS £ürfd)e3 gunacrjft bie gefamte 5lufmerf= 
famfeit, unb ber Elefant fdjeint anfänglia) nur auS einem Büffet gu 
befielen, roeil ja aud) baS Kiitb barauf angeraiefen ift, fid) einen Sc^a^ 
oon Erfahrungen ;$u fia)em, elje eS in ben Bollbefi^ feiner fämtlicrjen, 
rritifd)en g-ärjigteiten gelangt. Der raefentlidje Unter[ct)ieb befteljt jebod) 
barin, baß ber Blinbe bei folgen befonberen ^erfmalen nid)t flehen 
bleibt, fonbern biefe nur gteid)fam als Brücfe 6enü|t Borljanbene 
Seljrefte oermögen aud) tjier als rcertooHe Ergänzung gu bienem 3n 
gleicher BMfe rairb ber Spätererblinbete mancherlei Borteile genießen, 
ba ja fein ErfafjrungSfcfjais naturgemäß tuet reidjer ift, unb ü)m 
Analogien feicfjter finb als bem Blinbgeborenem 

Kehren rair nun ju unferem erften Beifpiel äurücf unb betrauten 

\5 



weiter, auf weldje Seife fid) ber Btinbe Sftenfdjenftnntnte aneignet 
£>em Se^enben bient hierbei in atlererfter ßinie ber ©efid)t§ausbrutf, 
ba% 2ftienenfpiet unb gemiffe willkürliche ober unwillfürlidje Bewegungen, 
bie meift bag (Sprechen begleiten ober gu befonberen Bekräftigungen 
gemalt werben. 2öer in ber Beobachtung biefer (Srjdjeinungen einige 
Uebung f)at, fann fid) imm£)in ein annäljernb gutreffenbeä Bitb oon bem 
(5()aratrer unb ber Sinnesart feine§ ©egenüberg machen, forüett er niajt burd) 
abfiajttidje £äufd)ungen unb Bestellungen irregeführt wirb, T)iefe gange 
Dtei^e oon 2Ba^rnef)mungen ift bem BUnben oerfd)loffen, fetbft wenn er 
nod) über einen größeren Sefjreft oerfügt. (Sr mu§ fid) atfo tebiglid) 
an bag galten, wa§ feinem 2öal)rnel)mung3üermögen gugänglid) ift, unb 
ba fpiefen Stimme unb Spredjweife für i^n bie erfte s JMe, weil ijjm 
Tonfall, Klang unb 2Iu§brud3form aucb eine gange Hngatjt öon Sd)fuf^ 
fotgerungen ermöglichen. Sein O^r fjat ficf) im Saufe ber Safne baran 
gewöhnt, auf bie feinften unb unfdjeinbarften Klangfarben gu achten unb 
fie gu einanber in Begiefjung gu fetten, wie ja überhaupt ber Blinbe ein 
3fteifter ber geiftigen Sr)ntf)efe genannt gu werben oerbient. @r Ijövt gar 
batb l)eraus>, ob fein (gegenüber offen unb freunbtid), traurig, erregt ober 
oerftimmt fpridjt, ob ß unaufrichtig ift unb nictjt fo red)t mit ber 
Sprache f)erau£>witt, ober ob fouftige bemerfengwerte ©igentümtidjfeiten 
oorfiegen. ($r ift babei ein fo fdjarfer Beobachter, ba| iljm fetten etwas? 
entgeht, worauf ber Seljenbe nid)t aalten gu braudjen oermeint. (Ss ift 
übrigeng nidjt guoiet gefagt, wenn mir behaupten, ba(3 Stimme unb Sred)= 
weife eine§ ^ftenfdjen feinen (£Ijarafter in gleicher Söeife roieberfpiegetn 
wie ber (§efid)t3au3brucf, bas TOenenfpiet. @§ fommt l)ingu, ba§ bie 
2ftef)rgal)t ber ^ftenfdjen gewöhnt ift, i§r ©eficfyt gu befjerrfdjen, b. Ifj* 
burd) ben 2lu3brucf tttcr)t me§r gu fagen, at3 i^nen beliebt, ©erabe bie 
Kunft ber SMtgewanbten befielt barin, ftet§ mit einem freunbtidjen 
Säbeln auf ben Sippen gu erfreuten ober wenigfteng nie oljue 2lbfid)t 
einen erftaunten, abweifenben ober mittetbigen @efid)t3ausbrucf 31t geigen. 
3lu§ biefem ©runbe ift ber Seljenbe häufig in ®efa^r, bie Kunft für 
Statur gu Ratten unb gu fatfdjen Scf)tüffen verleitet gu raerben. 

3Uif bie Stimme wirb inbeffen im allgemeinen weniger geadjtet, fdjon 
weit bem ^ormatfinnigen in ber Sieget bie Hebung unb 2lufmerffamfeit 
fe^tt, fie fritifd) gu würbigen. £>a£ ift ein Umftanb, ber bem ^enfa)en= 
ftubium be§ Blinben au^erorbentlia) guftatten fommt. @r §at fomit für 
feine Beobachtungen ein weit ungelünftettereg, natürüdjereg Material, 
ba§ gwar entfcr)iebert fd)wieriger gu beurteilen ift, gleid)geitig aber aud) bie 
®efal)r „optifdjer £äuf dumgen" aufliegt. Genaue 9ttd)ttinien ober 
2ln!)alt3punfte laffen fid) aud) Ijier faum geben, ba jeber Blinbe feine 
inbbibuellen Kriterien l)at, bie fid) auäfdjtiegtici) auf feine rein perfönliajen 

\6 



Erfahrungen unb 23eobadjtung3fäfjigfeiten grünben, bie feiten M mehreren 
in aßen Stücfen übereinftimmen bürften. 

2öie für ben Seijenben ba% ®efid)t, fo ift für ben SBlinbctt bie «Stimme 
eine ,jpauptfadje an feinen s D?itmenfci)en, bie i^m Sttmpatl)ie ober Abneigung 
guretjt ober TOjstrauen einflößt. SDic bura) bie Stimme geroeeften ©efü^te 
firtb babei ebenfo ftart unb oietfeitig roie biejenigen, bie bem Selienben 
au3 einem 2lnbticf erroadjfeu. §ierau§ ergibt ftd) fdron al3 rein 
natürlich, ba§ ber 23tinbe mit ber Stimme aud) aftJjettfdje Empfinbungen 
öerbinbet, bie beifpietäroetfe in Siebe ober §a§ gu gipfeln oermögen. 
Er fann in bie Sage fommen, ftd) „auf ben erften £tang" gu oerlieben, 
b. §. eine Stimme tan bei ifjm footele fnmpatljtfdje Empfinbungen aus>= 
Cöfen, rote bem Sefjenben ba3 ©efid)t, in ba% er fia) auf „ben erften 
53licf" oerliebt. S)a|jer beurteilen bie 33linben häufig ba% 3lu§fe^en eineg 
•JJcenfdjen naa) feinem Sprechen, inbem fie ben SBo^Haut ber Spraye 
nnbebingt al§ „Sd)önl)eit" begeid)tten, bie fie unroillturtid) auf bie gange 
äußere Erfahrung übertragen. E3 brauet wofy faum erft befonber§ 
Jjeroorgefroben roerbeu, ba§ berartige Sdjtüffe nur in ben aller fettenften 
gälten gutreffenb finb, ba e§ burd)au3 nid)t immer gefagt ift, ba§ 
Eljaraftergüte unb 2ßo§üaut ber Spraye mit äußerer Sd)önl)eit §anb in 
<£>anb gefjen. Vielleicht tiefte fid) nodj e^er bciZ (Gegenteil an ber £mnb 
üon Erfahrungen nadjroetfen, obgteid) pierfür roeber pft)drotogifd)e nod) 
p^nfiologifdje ©rünbe. erbracht roerben formen. $)iefe flehte Sti^roadje 
be§ Vlinben, über bie @rengen feiner 23eobad)timg§inögUtf)feit |inauögu= 
fd)te§en unb babei feinem perfönlidjen Empfinben freiem. Spiel gu taffen, 
barf iljm nidjt oerübett werben, benn fie grünbet fid) auf nur allgu teia)t 
Toerftanbüdje feetifdje Vorgänge. 

Dljne un§ auf einzelne Variationen eingulaffen, fönnen nur als 
ungefähr allgemeingültig behaupten, bat} biejenigen Stimmen bem Vlinben 
am fpmpatfjif duften (mit allen Folgerungen, bie er barauö gief)t) finb, 
bie am meiften mit ber äußeren 9catur ber s ^erfon in Einflang fielen : So 
gum Veifpiet eine fräftige, männliche Stimme beim 2ftcmn, rote umgefeljrt, 
eine garte, roeibtidje bei ÜJldbd)en ober grauen. Wäbfytn mit tiefen, 
meljr bem 9ftännud)en anflingenben Stimmen roerben üjn in ber Oteget 
nidjt fonbertid) angie^enb berühren, fcr)on roeit fie iljm s Uiübe machen, 
fofort gutreffenb auf ba3 ©efdjledjt beä Spredjerg gu fdjliegen. 2luf ba% 
Streben, roefentütije Unterfct)eibungs>merfmate ^erauägufmben, muffen roir 
fpäter nocl) etroaS neujer eingeben. 

2In biefer Stelle liegt e3 un§ gunädift nod) ob, einen furgen ^lugen= 
btief bei bem §änbebrud gu oerroeiten. Sdron roeiter oben beuteten roir an, 
baj3 bem Vtinben attd) biefer at3 Sdjlüffel gur Seele feiner 9Jcitmenfd)en 



bfettt, raenn es aucl) in biefer §tnficf)t giemtid) unmöglich erfctjeint, 
allgemein gültige Regeln gu formulieren. Der Berfaffer ber oortiegenben 
©cfjrift l)at cor mehreren ,3af)ren mit £ütfe einer Blinbengeitfdjrift an eine 
D^ei^e geiftig reger Blinber eine Dtunbfrage gerietet, ob unb in rate raeit 
ber 9titf)tfel)enbe aus ber 2lrt bes ijmnbgebens auf ben (Stjarafter ber 9Jtenfd)en 
(fliegen fanm 'Die eingegangenen 2lntraorten enthielten ein reiches ^cateriaf, 
bas umfo meljr in (Jrftaunen fe£en muffte, als bie einzelnen Behauptungen 
mit fotd) entfctjiebener Beftimmu)ett aufgeteilt mürben, ba§ man meinen 
tonnte, ber Blinbe rechne Ijier mit naturgefe£tict)en ^otraenbigfeiten. ©an§ 
befonberes 3 ntere ff e beanfprucfyt bie Su^erung eines ruffifctjen dürften, ber 
nid)t nur oöllig erblinbet ift, fonbern aua) bas ®epr bis auf ben legten 
SReft oertoren §at* gür ilm bilbet bas §anbgebert bie einzige Brücfe gu 
feinen ^itmenfdjen, unb es ift begreiflich ba% er biefem benn aud) feine 
rongentriertefte Slufmerffamfeit raibmet. 

Der gürft behauptet mit einer ©idjer^eit, bie jeben B3iber[pruct) ober 
3roeifel non oorn^erein ausgefdjtoffen erfctjeinert liifct, ba§ es nictit groet 
^Renfajen gäbe, bereu 2trt bes ^anbgebens oöllig übereinftimme. @r 
oermöajte aus bem §änbebrucf bk einzelnen ^erfonen feiner Umgebung 
otme Irrtum gu erfennen, ba er biefe boct; raeber fe^en nod) pren tonne. 
2luct) §abe er fiel) bei gremben nie im (S^arafter getäufcl)t, raenn ü)m 
(Gelegenheit geboten gemefen märe, meljrfact) ben ^anbebruef gu 
beobachten. 9luf feine Spegtatifierungen raoilen mir nict)t näljer eingeben 
roeit i^nen ma^rfc^einticl) nur rein inbioibuelle Bebeutung gufommt. 

3m gleiten Sinn äußerten fia) bie übrigen Hntmortf Treiber, unter 
benen es nur oerfctnotnbenb raenige gab, bie runb t)erauS erklärten, auf 
bas £mnbge6en noa) nid)t näljer geartet gu fjaben. Daß fid) aud) bie 
£et)enben mit biefett Problemen mitunter bef äffen, geigen gelegentliche 
Klaubereien in ben DageSgeitungcn, bie aber meift auf ein nur geringes 
^ntereffe ftogen, roeit es ber ©eljenbe itictjt nötig I)at, fiel) fotd)er »pitfs= 
mittet bei ber Beurteilung ber ^Iftenfdjen gu bebienen. ©pridnoörtlia) ift 
inbeffen aucl) in ber 3Belt ber ©etjenben geroorben, baß oft ein §änbe= 
bruef mel)r gu fagen oermag als Ijunberte oon 3ßorte, menn es gilt, eine 
Ueberänftimmung, Beileib ober fonftige heftige (Gemütsbewegungen gu 
bekräftigen. Dag ber Btinbe berartige fonftige Erfahrungen für fid) in 
gang befonberer Söeife ausbeutet, fann uns batjer !aum SBunber nehmen. 

5lus bem bisher (Gejagten ergibt fiel) fd)on gur (genüge, meld) 
reger (Geiftes arbeit es bebarf, raenn ber Blinbe feinen ?ßlat^ im Berfefjr 
mit anberen s Deenfd)en ausfüllen unb nid)t in allen fünften benachteiligt 
fein roill. 3Btr raerben nunmehr fe^en, baß §a*nb in £>anb hiermit unb 
uebtu^er nod) ftarfe 2Boltungen im (Gang ftnb, bie bie ©et)irnfuntnonen 
bes Blinben immer oietfettiger erfc^einen taffen. 



3. Pas Derbergen 5er 23ltnfcfyett 

^\^Tict)t§ tft raol)t bem Btinben im allgemeinen fo eigen, als baä Be= 
^ V ftreben, feinen ^uftanb foraeit als irgenb mögltdj gu oerbergen ober 
raenigftenS beffen Begteiterfcfjeinungen gurücfgubrängen unb abgumilbenu 
3n feiner Rechtfertigung tiefte fia) eine gange Reilje oon ©rünben anführen, 
beren roid}tigfter nnb augfctjlaggebenbfter unS barin erfdjeint, ba§ ber 
Blinbe genau roet§ r raieoiel Vorurteile ifjm in ber Regel als gotge feines 
s Jäct)tfel)en2> entgegengebracht raerben, bie ntdjt fetten in ^urücffetsungen 
unb roirtfdjaftüdjen Beeinträchtigungen gipfeln» ßetber tarnt ntdjt in 
Slbrebe geftellt raerben, baft man ben Blinben faft überall als einen 
grembting in ber ©efetlfdjaft unb im ©rraerbSteben betrachtet, bem 
man entraeber ein oertegenbeS 'üJcitteib ober meljr ober minber oer^o^tene 
?tble^mmg begeigt. BeibeS ift natürlich nid)t nur tief bebauerlid), fonbern 
aud) burd) ntdjtS begrünbet, unb mir r)offeit r ba§ biefeS ©d)riftct)en an 
feinem leil bagu beitragen rairb, ein grö§ere§ Berfteljen für ben Btinben, 
feine Neigungen unb Bebürfniffe gu raeefem 3 eDen f au ^ befielt bie un= 
abraeiSbare £atfact)e, bafe ber Blinbe einen großen £eit feiner 3^ e ^igeng 
barauf oerraenbet, naöglicfjft unauffällig gu erflehten unb fein 2lugen= 
leiben tuntia)ft in ben £uutergruuü gu bräugeu. DaS trifft namentlich 
für biejenigen gu, bie infolge il)reS Berufe barauf angemiefen finb, 
ftänbig in ber S -Kktt ber ^Se^enben gu oerleljrem Wir tonnen in biefer 
Begleitung bie lel)rreid)ften Beobachtungen machen, bie atlerbingS ben fe 
folg jener feigen Bemühungen läufig mein' als in grage ftellen. @3 
märe tuet richtiger, roenn fiel) bie 8ef)enben bemühen trntrben, biefer 
£d)raäcf)e beS Btinben Rechnung gu tragen unb üjm baS ßeben 
babura) gu erteidjern, ba§ fie iljm ben Jeil feiner Reroenfraft für nut$= 
bringenbere gunttionen freimachten, als gum ■ Verbergen feines ßeibenS, 
raaS itjm boct) nur anwerft feiten in bem geraünfctjten üJcaft gelingt 

60 empfinbet eS ber Blinbe beifpietSraeife als anwerft peinlid), raenn 
er bireft auf fein Selben l)tn angefprodjen unb biefeS als ^InfnüpfungSpunft 
für eine Untergattung benutzt rairb, baS peinliche ®efü§l meiert fetbft 
bann laum oollftänbig, raenn er mertt, baft ben grager nidjt reine Reu= 
gier ober eenfationStuft beroegen* (£r raid als gleicher ^enfd) unter 
s Dcenfcl)en betjanbelt fein unb rttct)t auf ©runb feinet fe^lenben 5lugen= 
lid)tS in ben 'Iftittelpunlt eineS groeifellmften ^rttereffeö gerücft raerben 

(5cf)on baS 2Bort „blinb", in feiner (^egenraart angeraenbet, berührt 
ü)n unangenehm, er möd)t eS lieber burd) „nidjtfefjenb" erfet^t nnffen* 
hierin fommt eine unS übertrieben erfdjeinenbe (Jmpfinbticfyfeit gum 2luS= 

19 



brucf, bie für ben Btinben felbft aber aus> bett oben angebeuteten @r* 
fafjrungen ber 5Berec^ttgurtg niäjt entbehrt @r toirb infolgebeffen ben 
Umgang mit $ftenfd)en meiben, bte beraubt ober unbenmfjt gegen bieg fein 
(Smpfinben oerftogen, unb ©leidjgültigfett roie 5Jufbringtid)feit gteid) 
fdjmergtid) füllen. (Ss> mag nidjt unerroälmt bleiben, ba$ er eine %afU 
lofigfeit in biefer £)inftd)t nie gan$ oertoinbet, felbft raenn fie oon bem 
anbern gar nid)t beabfid)tigt rourbe. 

£>er £ampf um3 $)afein mirb bem Blinben im atigemeinen burd) 
bie Ijerrfdjenben Vorurteile fo erfcfyraert, er ift fo oielen ^urücffe^ungen 
i)ilfto3 preisgegeben, oorne^mtid), menn er ftd) in fyöfytxm, geiftigen Be= 
rufen betätigen miß, ba§ er fein Seiben als> ba§ größte ^tnbermS be= 
trautet unb atteö baran fefct, es> burd) fict)ereg auftreten, getiefte 
Bewegungen unb bergl. gu Derbergen. @3 ift natürlich meber für iljn 
nod) für feine Umgebung fdjäblidj, menn er fiel) in biefer D^ic^tung übt 
unb fctjult, er mu§ fid) inbeffen ftet3 ber ©renken beä für ü)n @rreid)= 
baren bemüht bleiben, um nidjt burd) Uebertreibungen unb bereu unoer= 
metblidje folgen erft rect)t aufzufallen, ßeiber roirb gerabe hierin oon 
einzelnen Blinben üiet gefünbigt, unb fie roiffen nid)t, ba§ fie nict)t nur 
fidt) felbft, fonbern aud) bk (^efamt^eit i^rer ©d)icffal§genoffen babttrd) 
einer fd)iefen Beurteilung auäfe^en* §)a§ gilt am meiften oon ber 
ftarf Ijeroortretenben €>ud)t Vieler, oljne güljrer aus^ugeljen unb oer= 
feljräreidje ©trafen $u befreiten, auf benen fie ftd) unb iljre $ftit= 
menfdjen in gleicher 3Beife gefäfjrben, trot^ ber I)od) entroiefetten Orien= 
tierungggabe, bte mir eingangs näljer mürbigten. (Sr fann babei in 
(Situationen geraten, bie ilm nod) meit Ijilflofer erfdjeinen laffen, at§ 
er fonft in 2ßirttid)leit ift, unb bit ilm bireft fingen, bciZ ^ntereffe 
ber übrigen ^affanten in Slnfpruct) gu nehmen. Viele Bünbe rühmen 
fid), in Berlin fdjtoierige $affagen oljne güljrer beraerfftetligt $u |aben, 
olme babei 3U a^nen, ba£ fie babei oon taufenb Slugen mitteibig, ffeptifd) 
ober aud) gar fpöttifd) betrautet toorben finb. ©old)e „Braoourteiftungen", 
bie oft eine fd)limmeö @nbe nehmen tonnen, bienen feineäroegä ba^u, bie 
richtige Beurteilung bes> Btinben ^u förbern, fonbern rairfen oiet efjer 
im entgegengefetjten Sinn. Von berartigen Uebertreibungen fotl inbeffen 
§ter nid)t ausfd)tiefttid) bie D^ebe fein ; mir mollen un§ lieber toieber auf 
ba§ rein pfnd)otogifd)e ©ebiet gurüdbegeben. 

SÖte geint)eit be3 ®eprä unb ber übrigen brei ©inne, unterftü^t 
oon ber mef)rfad) gefenngeietmeten Beobachtungsgabe feigen ben Blinben 
in ben ©tanb, eine gange s Jteu)e oon äßa^rne^mungen 31t machen, bie üjm 
uad) gehöriger ©nnttiefe unb (Kombination Vorfteüungen unb Begriffe oer= 
mittetn, 31t benen ber ©el)enbe f)auptfäd)tid) nur mit §tlfe be3 2Iuges> ge= 
langt, foba§ ^ier ein getoiffer 5luägteta) ftattfinbet, ber bie Btinbl^eit bi§ 

20 



$u entern beftimmten ©rab ^urücftreten tagt* $3 fommt nur für ben Bttn= 
ben barauf an, atte fidj i§m bietenben Vorteile auszunützen unb nie in 
ber gefpannten Stufmerffamfeit nad^utaffen. (§r fann bei bev Untergattung 
auf ©runb ber ©djaörtdjtwtg fein ©efidjt bre^en unb fomit bm Sprecher 
„anfefjen", an ben Stimmen erfennt er, rao bie einzelnen ^erfonen fitzen 
ober ftefjen unb fann ficf auf biefe 2öeife üielfact) auf ftdj felbft ocrliaff.cn« 
Beim (Singtegen oon ©etrcmfen fann er auS bem $lang entnehmen, ob 
ba3 ®taä Ijalb ober gan^ Doli ift, unb ein teifeS, fdjeinbar unbeab[id)tigte3 
kippen mit bem Ringer an ben Tetler fagt itjm, ob biefer teer ift 
ober ob fid) etwas barauf befinbet. 2lugerbem rotrb jeber geroanbtere 
Blinbe für bie (jduftgftcn ©rforberniffe be3 täglichen SebenS feine 
rein perföntid)en Spe^tatmittetctjen befi^en, bie nur für üjn ausprobiert 
finb, bafür aber umfo juoerlafjiger torrten. 

5n ber Unterhaltung mit fremben ^perfonen roirb ber Btinbe in ber 
D^egel biejenigen mit Bortiebe ausrodeten, bie über mögtidjft marfante 
Stimmen ober Spredjroeife oerfügen, meit er biefe rafcfjer roieber erfennt, 
roaS für fein freiem Beroegen oon größtem s Jtu£en ift 2öie fid) ber ©etjenbe 
bie einzelnen ®efid)ter einprägt, fo legt ftdj ber Blmbe in feinem ®e= 
bäcfjtntö eine Stimmenfammtung an, bie t^m ebenfo treutia; t)itfi roie eine 
fötale oon ^tjfiognoraiem — 2lud) bie iftafe fann hierbei Ijetfenb eintreten, 
inbem fie auf ^arfüm» achtet, bie einzelne ^erfonen an fid) tragen, auf 
ben unterfd)iebtid)en ©erud) beS 3i9 arren = ober ^igarettenraudjeS, ber 
oornetmtlid) ein 2tu3einanberfjatten ber Ferren erleichtert Demjenigen, ber 
biefe Dinge $um erften mal liegt, mag manche 2lnbeutung etroaS finbtia) 
erfdjeinen, mir toeifen aber immer erneut barauf ^in, bag gerabe berartige 
s Jtebenjäd)tid)feiten für ben Btinben oiet roert finb, ba er fie fonttjetifd) 
metftert)aft 311 einem ©an^en ^u oerftedjten oermag. Dag bei bem Bor= 
Ijanbenfein ftärferer ©etjrefte aud) bie g-arbe ber Damenfteibung, t)eüe 
heften ber Ferren etc. mistige gaftoren für bie Orientierung bitben, 
ftetjt natürlich auger grage. Dabei fönnen mir roieber eine fonber= 
bare Beobachtung be^ügtia; beS „SdjönfjeitSfinneS" madjen, ba fid) 
biefer auf grunbfä^titt) oerfdjiebenen BorauSfetsungen aufbaut als beim 
Seijenben. 2öer nod) garben unfdjroer §u erfennen oermag, toirb 
bie grelleren am „fdjönften" finben, meit fie für ifm am teid)teften 
roaf)rnet)mbar finb. Bei Damenfleibern roirb rot, grün, tjeltbtau, roeig, 
rofa ober lila am meiften gefdjä^t, benn auS ber (Srfatjrung raeig ber 
Blinbe, bag bie Herrenanzüge mit roenigen 2lu3naljmen alle biefe Jarben 
nid)t aufmeifen. Sctyroar^e, bunfetbtaue, bunfetbraune ober bunfetgraue 
Damenfteiber machen iljm ba% Unterfdjeiben fernerer, roerben fomit aua) 
al§ nid)t fo „fcfyön" bezeichnet. Senn biefe Urteile aua) mit ber tat= 
fäd)tid)en 2öirftid)fett oft nidjtS %u tun tjaben, fo finb fie pft)d)ofogifd) 

2\ 



bod) burdjauS oerftdnblid) unb erraeifen nur mit erneuter ^larljett, rate 
gefa)ic£t bie ücntur alle getftigen unb a[t§etifd)eit Regungen in ben 
$)ienft ber jeweiligen $m$mH$i$tit ju [teilen oermag* £)amit folt 
jeboct) feineSraegS behauptet raerben ba$ aüe 23tinben, bie über auSreidjenbe 
£eljrefte oerfügen, bei biefer rein utiliftifdjen 2lbfd)ä^ung ber garben 
ftefjen bleiben, eS gibt im (Gegenteil aud) s £erfonen, bie gerabegu einen 
feinen ©efdjmad: für garben^ufammenftetlungen an ben lag legen, gm 
allgemeinen ift aber als ®runbfa£ feft^u^alten, baß ber 23tinbe alles bas> 
beooqugt, maS für ilm am müljefofeften raa^me^mbar ift unb baburd) 
fein feljlenbeS 9lugentict)t am roenigften fühlbar raerben lä£|i Hebung 
unb ©dnilung uermögen glänjenbc s Jtefuttate 31t zeitigen, raooon man 
ftd) im SSerfeljr mit geiftig regen ^Blinben jebeqeit teidjt überzeugen tarnt. 



6* Der Bünbe unb bie ünn% 

(\Z 8 ift ütelfad) bie 33eljauptimg aufgeteilt raorben, alle 331inben feien 
^^ mufüalifd) begabt, raaS jebodt; nid)t zutrifft unb täglid)e 2Stber= 
legungen finbet. @S liegt aud) tu ber £at nidjt ber minbefte pl;ufioto= 
gifdje ober fouftige ©runb für bie 2(mta$me oor, ba$ ber Mangel beS 
9Utgenlirf)t§ irgenb einen (Einfluß auf bie ^ilbung beS mufifatifdjen ®e= 
IjörS ausübe* 2Beun biefe 2lnfict)t benitoct) immer raieber auftaucht unb 
anfdjeinenb unausrottbar oerbreitet ift, fo muffen rair il)re Urfadjen in 
rein äußerlichen Momenten fudjen* £)a tritt uuS benn als auffallenbe 
£atfaa)e entgegen, ba$ in allen 53ünbenanftalten Wu[it betrieben unb 
bei faft jebem 25(inben ber ^Berfud) gemacht rairb, tju auf irgenb einem 
3'nftrument auSgubilben. 

£)em fönnen rair aber entgegenhalten, baß mutatis mtttanbiS in ben 
©d)uten ber Sefjenben baS 33erfa^ren ein giemttcf» gleiches ift : 9lud) bort 
rairb burd) bm ®efangunterrid)t banact) geftrebt, bas mufifalifdje 
(Sel)ör 31t roeefen unb gu bilben, rate anbererfeiiS ber obtigatorifdje ^eidjem 
uuterrid)t bem ©arftetlungSoermögen unb feiner görberung bienen folt 
©er £>tinbe rairb natürlid) in ber ^Jceljqat)! ber gälte ber s JJcufi! ein 
regeS 3 ntere ff e entgegenbringen, raeü fie mit bem O^r malgenommen 
rairb, unb itjr ©enuft oon bem 2lugentiti)t oöllig unabhängig ift 3n 2tn= 
betraft beS UmftanbeS, ba§ ber ^tidjtfetjenbe barauf angeraiefen bleibt, allen 
©tijallroirfungen eine oerboppette s 2(ufntert'famfeit ^u^iiraenben, brauet eS 
unS rticf)t raeiter 31t oerraunbern, ba§ er pufig eine leichte mufifatifdje 
s }luffaffung3gabe an bm c Iag legt, bie in bem ftarf gefd)ulten ©e= 
bättjtniS eine raertoolie Unterftüfcung finbet. 2tud) rairb er ftdj bemühen, 
Wlufil gu erlernen, raeil fie i^m Unterhaltung unb 3 er fi reu ung ^u bieten 

22 



ocrmag, bie er fonft f)auptfäd)tid) nur oon Seijenbett burd) SSorlefen etc. 
empfangen tarnt, ^nfolgebeffen beschäftigt er fidj in ber iftegel mit bem 
feineu Neigungen am metften. enlfprecrjenbeit 5 tt P rumen * iutettfiuer atö 
ber Seljettbe, ber ba§ &Taoier= ober (#eigettfpiet nur gang nebenbei betreibt. 
(Snblid) barf §ter nid}t Ü6evfet)en werben, ba§ bie "Uhtftf bem ^liitbeit 
bie i)erfa)iebenften ($rmerb3möglid)feitett eröffnet, fobaf; il)r betreiben mit 
eine ÖebenSfrage werben tarnt. Stile biefe me§r öugertidjen gaftoren 
berotrfert, ba$ burd)fü)ttittlid) oon ben ^tutbett redjt befriebigenbc iKefuttate 
auf mufüalifdjem (Gebiet (raogu roir aud) ha* Stimmen redjuen) eqiett 
tuerben, mäljreiib au3a,efproä)ene Äünftler relatiu nid)t häufiger finb als 
unter ben l>ollfinnigert Die SDlufit bebeutet aber unter allen Umftättbett 
für ben 43Iinbeu fei)r oiel: Sie ift feine befte greunbin unb Iröfteritt, 
bie ü)m über manche fernere ober anreguu^ölofe Stunbe ^inmeggu^elfen 
oermag unb in gcntg eigner ^eife 311 fanem ®emüt fpridjt. 

5(e[jnüa) oertjält e§ fid) mit ber ^poefie, namentlid) mit allem, mag 
in keimen gefdjriebm ift. $)er gleichmäßige s Ji v fmtl)mu3 ber Sprache tut 
bem i3linben moljt unb erteidjtert t|m ba$ Stugmenbigl erneu. $ebid)te — 
unb t)ier oorne^mtid) lurtfdje — lieft er mit Vorliebe unb uerfucfjt nicfyt 
feiten, aud) felbft bie eigenen (Gebauten unb (£mpftnbungen in s Jleimen 
unb Serfett ttiebcrgufdjreibett. iöo^t bie s Dcel)r3a^t ber 53tiubgeborenen 
ober grüfjerbtiubetett t)at fict) minbeftenö einmal in biefer Ocidjtuug be= 
tätigt, otme auf bie 43e3eia)nung at3 bid)terifd)e$> ($eitte ^litfpruct) ergeben 
31t tonnen. irotj einer unoerfeunbar ^eroortretenben ©iufeitigfeit ber 
metften $ebidjte bietet bie 5Ötinbcnpoefie ben ^fudjotogen eine mertootle 
gunbgvube, bie mauct)e3 feelifd)e 3^ätfet aufgu^ellen oermag, an beffen 
£öfung man fonft oergeblid) arbeitet. 

3)a3 geiftige ?luge be3 ^3tinben ift ttad) 3 mien gerietet, e3 fiefjt 
bk 'iöett, raie fte fiel) in fetner «Seele oorfinbet, unb bem entfpredjen bie 
Sporte unb Silber, benen mir in ben ($ebid)teu begegnen. Sie enthalten 
in iluer TOe^r^at)! ein gemiffeS (Stumä, ba§ ben Seijenben falt läßt, raeil 
er es> nia)t oerfte^t, ba firf) feine 5lnfa)auungen unb @efüt)te in anberen 
53a^nen bemegen. Dat)er t'ommt eö aud), baß nur oerfjältnismäftig loenige 
Schöpfungen blinber Dia)ter in ber s I8ett ber Se^enben bleibenbe Erfolge 
errangen, obrooljl fte oft mattdjeä ed)te (Smpfinben unb gemütoolle 2Bort 
enthalten. 43linbe mürbigen bie poetifcfjen öeiftungeit iljrer Sdu'cffatögeuoffen 
t)ietleid)t geregter unb gutreffenber, benn nur fte oermögen ftc§ in ben ®e= 
banfengang, in bie Stimmungämett be3 £)id)ter3 oott unb gang hinein gu oer= 
feiert unb itjtt in alten fünften 3U oerftetjett unb ttad)gufüt)ten. £)iefe £atfact)e 
§at fdjon üielfad) 3U redjt bitteren (Smttäufc^ungen geführt, inbem fia^ bie 
Se^enben folgen Schöpfungen gegenüber oottfommen able^nenb ocrt)iettett, 
bie oon ber 33linbenroett a(3 großartig unb mertoolt erachtet mürben. 

23 



Diefe teilroeife trüben Erfahrungen galten ben SBIhtben inbcffen feinet 
raegä ab, feine poetiftt)e Siebljaberei raetter ^u betreiben, unb e§ märe ein 
großem Unrecht, i§m bk gre.ube baran rauben gu roollen. 3Sir möchten 
inbeffen nid)t oerfetjlen, an biefer ©teile ba3 ,3ntereffe ber gad^feutc gerabe 
auf biefen 3 rae ^9 ber 23linbenpfr)tt)ologie gu teufen, benn mandjeg ftreng 
gehütete feeltfd)e @el)eimni3 tritt in ben ^ebid)ten beutlitt) jum 2Sor[d)ettt 
unb oermag unö roertootle 2lufftt)tüffe nac!) ben oerfttjiebeuften Otitt)tungen 
§in ju geroaljren. 

€>ä)lteJ3ltä) märe nod) al3 letzter $\x>ti§ Der ^uuft, ber bem 23tinben 
gugängtiü) ift, bie ^ßlafttf $u ermähnen. <8el)r $al)treiä) fin'b inbeffen bie 
biegbe^ügtittjen Erfahrungen nitt)t, nm3 u>ot)t in ber Statut ber €:ad)e liegt 
Einen bireften Jhmftgenuß, b. l). ein äftl)ettftt)e3 Empfinben fjaben nur 
üerfttjtüinbenb raenige IMinbe beim 33etaften ptaftiftt)er Darftellungen, 
bie ifjm raegen beö maugeluben @efamteinbrucfs immer mefjr ober 
minber raefenSfremb bleiben muffen. Dagegen Imben mir, mehrere 23eifpie(e, 
baß fitt) 33tinbe barftetlenb betätigen, inbem fie äufterft geftt)icft unb 
naturgetreu $u mobellieren oerftetjen. Eä Rubelt fitt) bei biefen 
2lu3naf)mefälJen {ebott) faßt burdjiueg um Spätererblinbete, bie fitt) au3 
ber ^eit beö ©el)en3 ein reitt)eres> 2lnftt)auunggmateriat Ijerrübcrgerettet 
fjaben. 33efoubere Ermahnung oerbient ein ^rieg-obtinber, ber Gegen- 
wärtig in bem oon eanitatärat Dr. €>otm in muftergültiger S -Kkife 
organifierten JMegSbtinbenljeim 31t granffurt am 'Iftain lebt unb ucrftt)te= 
bene Jlöpfe, .ftcinbe etc. mobellierie, bie in Äemierf reifen berett)tigtes> 5luf= 
fe§en erregten unb 31t ben ftt)6nften Hoffnungen Einlaß geben. 2Iber 
autt) ü)tn gemährt lebiglitt) ba3 Sttjaffen $enuJ3, roä^renb bie fertigen 
©egenftänbe an SReij oevtieren. 

lieber bie ftt)aufpietertftt)en unb fonftigen latente ber 33(inbcn ^u 
fprett)en, ift uon geringerer 23ebeutung, roeil fie fitt) praftifa) faum üer= 
werten laffen unb autt) mit bem inneren Seelenleben, baö unö t)ier in 
erftcr £inie intereffieren foll, nur in red)t lofer ikrbinbung fielen. 



7. (ßemüt unb (£fyaraftei\ 

\YT it ber grage nad) ©einüt unb Etjarafter gelangen mir ent^ 
■V' ■ I (Rieben jum. fdpierigften, gleitt^eitig aber autt) intereffantefteu 
Kapitel ber 23tinbenpfnä)ologie. 3lud) §ier laffen fitt) nur mit utelen 
Vorbehalten allgemeine ($runbfät$e formulieren, meit inbioibuelle ^er- 
ftt)iebenljeiten, bie roieberum oon ber äußeren Sebenälage unb bergteitt)en 
beeinflußt merben, eine r'ompti^ierenbe Atolle fpieten. prinzipielle itnter= 
ftt)iebe öon bem ©emütäteben beä Seijenben raeift ba3 be3 25lmben niü)t 

2\ 



auf, §ödjften§ grabuelle, inbem bie einzelnen 'typen mit größerer ober 
oerminberter ^Deuttid^fett Ijeroortreten. 2öie fd)on erwähnt, bitbet bte 
Vtinöenpoefie ben beften ©djjlüjfel gu biefem ©ebiet, roenngleid) cä gänglid) 
perfekt roäre, fie aU einige Duelle ber wahren @rfenntni3möglid)feit 
ju betrautem Sie oermag nur ber perfönlidjen ^Beobachtung als roert= 
ooüe Ergänzung ^u bienen, gumal ber Vtinbe über Vieteg ntdit gern 
fprictjt, roaä feine Seele gerabe am meiften beroegt Diefe gleidjfam 
ängfttid)e 3urücff)aftung geroiffer leite be3 tnpifd^en 'Sdjä ma 9 ^ ve ® r ' 
flärung barin finben, ba§ ber Vtinbe fütjtt ober fürchtet, in feinem 
Seelenteben burdj befonbere (§igentütnlid)feiten oon bem beg Sefjenben 
ab^uroeidien, (Sin unumrounbene§ 3 u 9 e f^nbniä biefer £atfad)e mürbe 
ftd) aber mit bem Veftreben, bte Vtinbfjeit 31t oerbergen, in offenen 
Söiberfprud) fettem Er oermeibet es> batjer lieber, einen ootten Einbticf in 
feine «Stimmungen p geraderen, ofme barum oerfdjtoffen genannt werben 
gu fönnen. 

Da3 mangetnbe Augenlicht bringt e§ mit fid), ba§ bie äußeren 
Anregungen, bie ber Vlinbe empfängt, ga^tenmä^ig gtemticr; befd)ränft finb. 
Aber aud) fein ®ef)irn reiftet nie unb oertangt gebieterifd) naefy s Jtat)rung 
unb Material gur Verarbeitung, Der ^icfytfeljenbe ift batjer genötigt, 
tnefjr alä ein anberer üftenftf) feine ©ebanten unb 3 Deen aug M fclbft 
$u fdjöpfen ober auf Dinge $u teufen, bie oon ber fid)tbaren 28a§r= 
nefjmung unabhängig finb. Er mu§ fid) bem^ufoige »erinnerlichen, oon 
Erinnerungen geljren, Kombinationen (Raffen unb fd)tiej3tid) aud) ber 
eigenen ^Ijantafie weitere s Jted)te einräumen. Deutlich fommt bteö in 
feinen Dichtungen $tm Auäbrud Er fe£t fiel) au3 btn gewonnenen 
28afjrnel)mungen unb Vorftellungen Vilber gufammen, baut ftdj au§ 
biefen feine 2Löelt unb fdjattet unb mattet barin rote in ber 2öirflid)feit 

s Jtetigiöfe unb pt)itofopl)ifd) tran^enbentate ©ebanten finb e3 mit 
Vorliebe, bie fein ®el)irn befdjäftigen, roeil r)ter ©efüt)t, Analogie unb 
Spefulation bie Aus>fd)tag gebenben g-attoren bilben. ©0 barf root)t ale> 
feftfte^eub angefe^en roerben, ba$ bte $celjri$al)t ber Vtinben retigiöjen unb 
moftifdjen Vorftellungen unb 3b een am letct)teftert gugänglid) finb, roa3 
aud) mit ber burd) äußere Ablenkungen roeniger geftörten Selbftbetradjtung 
in ^ufammenfjang ftet)t gür ifjn ift e3 ntct)t fd)roer, an baä halten 
l)öt)erer, gefjeimnigootter $Md)te 31t glauben, ba für ifjn ja bie s Jlatur 
an unb für ftd) mefjr Sftatfel in fid) birgt, al§ für benjentgen, ber burd) 
htn Augenfdjein über oiele ^roetfel I)inroegget)oben roirb. Sein ®emüt 
ift empfängtief) er für alle feelifd)en Einbrüche, roett fie einem Xeit 
feine§ Sein§ au3mad)en. 

Sdjon ba3 Altertum l)at biefe Vefonberfjeiten mit fdjarfem Vlicf erfannt, 
inbem e§ bem Vtinben bie Sehergabe beimaß unb Corner roie ^t}etreftag al§ 

25 



53tinbe barftcfite* £atfäd)tidj bermag tiutf) ber Wittibe b eif pi ct§rt> ctf c 

ben Stimmen ber Statur meljr abgulaufc^en als ber Seljenbe, ba§ 
D^aufdjen ber Säume, ba3 ^lätfdjern beg 23ad)e3, ba§ Singen ber $öget 
fagt ifjm meljr als biefem, benn e3 finb ja bk einigen Brüden, bie i§m. 
einen ^ftaturgertuß ermöglichen. Sie regen feine ^tjantafie an unb fd)affen 
i§m Borfteltungen, beren äfttjctifajer nnb p)nd)ifd)er SBert auf feinen 
galt unterfd)ä£t raerben barf. Dabei fann e3 faum al£ 2öiberfprud? 
be^eidmet raerben, baß feine Silber nic6)t immer mit btnm übereinfiimmen, 
bie ber Sef)cnbe geraonnen §at, benn aucfy biefer betrachtet fubjeftio unb 
bringt Bietet in bie äußere 3Öe(t fjtnein, roa3 in SBBirHidjfeit nur in itjm 
felbft trarlianben ift 2ßenn ^mei s D^enfd)in bie gleite Szenerie betrachten, 
raerben fie meift aud) ^raeiertei ^luffaffungen von i|r in fid) aufnehmen; 
raarum follte bann nict)t aud) ber Btinbe ba% D^edjt für fid) in 2lnfprud) 
nehmen, feine perföntidjen (Sinbrüde auf eigene 5lrt 311 verarbeiten? 

"Die leiste JugängücfyMt für feelifdje (Jinbrücfe madjt bm Blinben 
melfadj etma3 empfinbliajer al3 ben ©eT^enben, beffen teufen unb gürten 
gemeinhin burd) bie ?lußenroelt me§r in 2lnfprud) genommen rairb als 
burd) bag %mitn\tbtn. ©ci^er fann e3 oorfommen, baß ber jßttnbe ge= 
tegentlidje unbebaute Äußerungen fdjmeqlid) empfmbet, raeü er fie für 
mangelnbc§ BerftänbniS ober mangelnben Xaft ptt. Die3 um fo mein, 
als er nietet in ber ßage ift, ben ©ejidjtSau§brutf be3 Spredjerä $u be- 
obachten, ber manches gut gu machen nermag, raaS bie 3 un 9 e fehlte* 3m 
3ufammen§ang hiermit fteljt ein geraiffeg Mißtrauen, t)on bem nur raenige 
Btinbe gän^lid) frei finb, otjne baf? rair es> bei i^nen a(3 ftörenbe (£t)arafter= 
eigentümlid)feiten 3U begeidmen braueben. Bteffad) rairb i£m aU s Iftiß= 
trauen gebeutet, raas> in 28irflid)feit nid)t§ anbeieg at£ eine abraartenbe 
^urücf^altung barftellt, bie geraöljnlid) nur fotange anhält, bis ber Blinbe 
auf ©runb feiner oben gefdjilberten s $raftifen ba$u gelangt ift, fid) öon 
feinem (Gegenüber ein Bilb ^u machen. @3 ift fdjroer, bie ^)ier maß; 
gebenben ©ebanfengänge in prä^ife s iBorte 311 faffen, fie werben burd) 
eine genaue, aufmerffame Beobachtung raeit leid)ter unb oollfornmener 
nerftanben. £at nad) einiger jfleit ber Slinbe Zutrauen gefaßt, fo rairb 
er meift ba% .^er^ niel offener unb rüdljattlofer auf ber 3unge ^oben 
at3 ber ©eljenbe unb als mandjmal für feine 3ntereffen raünfdjenSraert 
erfcfyeint. 60 fdnnierig es 1 für ben Stinben anfänglich ift, ben Sßert 
ober Unraert einer ^>erföntid)feit ^u erforfdjen, fo feft f)ätt er bann an 
feiner einmal gefaßten Meinung, trau ber er fid) nur ungern raieber 
abbringen läßt. £)abei muß atlerbingS unbebingt zugegeben raerben, 
baß er fid) bei forgfättiger Prüfung aud) nur fetten taufet, benn alte 
äußeren (Sinfluffe unb „Stimmungsmachen' liegen ja giemtid) raeit ab 
non feinem 23eobad)tung3fetb. 

26 , 



^n bem ©efjenben erbtieft er teidjt ein it)m überlegene^ 3Sefert, 
ba3 üjm auf ®runb ber unemgefdjrartfct Beobachtungen üiel nü^en 
unb t)iel fdjaben fait.it« Dabei fommt e3 ntdjt feiten nor, ba§ fidj ber 
23tinbe oon ber v5e§mögUdjfett gefunber klugen eine übertriebene $or= 
ftellung madjt, roeil ifjm in biefer 23egief)ung alle Kontrolle fept 3 m 
allgemeinen fuajt er gern ben $erfef)r mit 33ollfinnigen, mie für iljn 
fdjon unter feinen eigenen ©djicffalägeito'ffen biejenigen eine beoorjugte 
Stellung einnehmen, bie noa) über größere Sefjrefte verfügen, ($efid)ter 
ernennen, ober geit)ö^iUicr)e Schrift lefen Tonnen, ©in alteö franjöfiftfjef 
©prid^roort djaraftertfiert biefe Tatfaaje feljr be$eid)nenb, inbcm es> fagt : 
„Parmis les aveugles le borgne est le roi." 3n ber @efeßU 
frfjaft oon Seijenben füljlt er fiäj geborgener, er roeig unb erwartet, 
ba§ i§m bieje immerhin einige Erleichterungen bieten, ettoaige ($e 
fahren befeitigen unb oor allen Dingen Anregungen bringen fönnem 
Da3 Urteil eineä Seijenben f)at oon oornfjerein etroa3 Autoritatioeä 
für ujn, namentlich, wenn bie betreffenbe 'Berfon burd) if)r allgemeines 
$erf)alten gegeigt l)at, baft fie bem ^uftanb be§ Blhtben, feinen ^or= 
gügen unb Sdjmädjcn, Neigungen unb Bebürfniffen bag, richtige $er= 
ftänbrti3 entgegenbringt, gür le^tereg rairb er ftetö eine aufrichtige 
Danfbarfeit an ben lag legen, benn er trifft e3 nidjt überall anl 

Da bie geiftige Teuerung, bie ber 33linbe oermittelft feiner ü)m oer= 
bitebenen Sinne ftd) felbft gitgufü^ren oermag, immerhin redjt g ering 
ift, erwartet er oon jebem Seijenben befonbere Anregungen, bie er am 
tiebften in ber gorm be3 JBorlefenä entgegennimmt Dag ^ufybxm be= 
reitet ifjm mit ben §öd)ften @enu§, benn fein eignet Sefen mit ben 
Ringern ift mü^fam unb ermübenb, aud) oerfügt er bebauerlidjenoeife 
nur über feljr befd)ränften Sefeftoff. Die |>erftetlung ber Büdjer in 
23tinbenfd)rift oeurfadjt t)olje Soften, unb bie einzelnen 33änbe nehmen 
üiel 9taum ein Sdjiliers) „Xell" ift beifpieBioeife in geroöljntidjem 
Drucf bei Geflaut at i o fteineö -§eftd)en für groangig Pfennig ju Ijaben, 
rodljrenb basfelbe 5Ber! in ötmbenfdj'fifi groei biefteibige 5ßanbe füllt, 
bie jufamnten fünf Wlavt foften ! Die rotrtfdjaftUdj meift nicr)t rofige Öage 
geftattet e<3 bem stürben nid)t, fic| fortlaufenb $üd)er gu faufen, gumat 
^ßreiö unb Sntyatt in einem fraffen 'Mgoerijältniä gueinanber ftet)en> 
Da3 ®tetd)e gilt für bie beftefjenben ^eitfdiriften, bk fdmtlidj feljr teuer 
unb oon befdjeibenem Umfang ftnb. ^euerbingö betämpft man biefe 
Uebelftänbe burd) bie Schaffung oon öeiljbibtiotljefen, bie für ben Blinben 
gerabegu eine geiftige 2öot)(tat bebeuten. ($3 roäre äufjerft fegenSreid), 
toenn fiel) ba§ öffentliche 3 n * ere ff e wty biefem Sroetg ber Blinbenfürforge 
mefjr gujoenbete unb , burd) bie Bereitftetlung größerer ©etbmittet baä 
Büdjerroefen förberte! 

27 



Sie £angweite, ber ber 23tinbe metjr auggefet^t ift al§ irgenbein 
cmberer 2ftenfd), ift feine größte geinbin, bie an feinem Wlaxt ge^rt nnb 
i^rt frudjtlofcn, ja nidjt feiten fd)äb(id)en Grübeleien überantwortet, ©er 
Setjenbe fann ftd) ftet§ Abwertung oerfcfjaffen, er tieft 3 e i iun 9/ er 
get)t nad) belieben fpajieren ober b lieft burdj ha* genfter; ber JBlinbc 
mu§, raenn er nidjt arbeitet, auf äußere Anregungen märten, bie er 
üovne^mtict) oon bem Serjenben erhofft. 2öer tfjm Diel oorfieft, ift fein 
greunb, namentlich, raenn er bie Seftüre fo raäfjtt, baß fie ben 3n= 
tcreffenfretä be^ 33tinben berührt, ber naturgemäß inbioibuell fefjr oer= 
fctjieben ift. Aud) lernt ber 53ltnbe im allgemeinen gern, benn aße§ 
s Jceue regt fein Senfen unb feine s ^t)antafie an unb gibt bem ©erjirn 
für befdjäftigunggfofe Stunben bie erraunfdjte iftarjrung* Auf biefe bireft 
feetifdjen iöebürfniffe follte man namentlich bei ber güvforge für bie 
Ärtegäbltnben bm größten 5Bcrt legen, benn fie muffen ben plöt^ltct) 
eingetretenen Mangel an Anregungen boppelt r)art unb fcrjmei^ticrj 
empfinben. 

3e mefjr man biefen Umftänben Otedjnung trägt, um fo letzter ift 
e§, ben stürben mit feinem fcfjroeren Sctjidfaf aus^ufö tmen unb tt)n gu= 
frteben unb freubig geftimmt ^u ermatten, alles» gaftoren, bie fein Selbftoer= 
trauen rjeben unb feine £etjhmgsföljtgfett aufä günftigfte 31t beetnfluffen 
oermögeru Sie faft anbädjtig 31t nennenbe Aufmerffamfeit, mit ber bie 
33linben im allgemeinen bem Briefen ^urjören, unb ba3 gute ®ebäd)tnt£>, 
bem fie altes 2$iffensmerte feft einprägen, werben ^eben reicfjtid) belohnen, 
ber feinen nidjtferjenben •üJcitmenfcfjen einige Stunben opfert! 

:£Ba§ bie üörigen (£(jarafteretgeufd)aften betrifft, fo ftnb feine weiteren 
23efonberljeiten bes stürben 31t ermähnen, ber ja in gleicher SBeife raie 
bie anberen $xenfd)en Scfjwäcfjen unb ^or^üge beftgt, bie meift in feinem 
näheren ^ufammenrjang mit feinem Reiben ftefjem 

(£in ^unft rjöcfjftens bürfte ber (§rwär)nung noct) wert fein, baß ber 
53linbe, üietteicfjt unbewußt, and) nidjt bireft beabficf)tigt, immer einen ge= 
raiffen ©rab oon ^ücfficfjrnarjme erwartet unb e§ letetjt als #ärte ober 
Ungeredjtigfeit empfinbet, wenn rtjm biefe oerfagt rrürb, Sie gan^e Art 
feiner (Sqietjung bar)eim ober in 33linbenauftalten nd^rt in itjm bas 23c= 
wußtfein, mit befonberer Sorgfalt umgeben gu werben, ja umgeöeu werben 
$u „muffen", bie it)n im Sauf ber 3eit ^war nietjt gerabe aufprucfjsuotl 
madjt, itjm aber ein oermeintlicrjes ditfyt auf inbbibuelle ikrjanbtung gibt 
Sas v $erfonat ber AÜrforgeorganifationen fowie bie näheren Anoerwanbten 
werben itjm biefes ffeine i^orredjt auefj gern unb fti(lfd)wetgenb einräumen, 
braußen aber im öffentlichen öeöen wirb er berartigen Ütücffidjten nur 
fet)r fetten in ber gewohnten gorm begegnen, ma$ ir)n anfänglich fremb 
anmutet unb irjm manage bittere (Srfarjrung bereitet. Sie ©emofntrjeit, 

28 



aU „©djüfclmg" bejubelt ^u roerben, lägt i^m mand)e$> freiroillig begeigte 
Entgegenkommen al§ fein „guteä JJtecfyt" erfreuten, beffen Verjagen if)n 
uerle^t ober erregt, £)aburd) gerät er unter Umftänben leicht in bie ©e= 
faljr, meljr 23ead)tung für fein 3rf) in 2lnfprud) gu nehmen, al3 man im 
©urdjfdjnitt ber einzelnen ^erfon ^u fctjenlen pflegt, unb bei Entlaubungen 
lönnen heftige ©emüt3beroegungen bie g-otge feixt* 3lud) oermag er nic^t 
bie unmittelbare SBirfung feiner SBorte au§ bem ®eficf)t3au§brucl abju= 
lefen, fo baß eS üjm oon D'catur au3 roett fernerer fallt, maßhalten unb 
im richtigen 2lugenblicl ein^ulenfen. ®rößte 33orftd)t gremben gegenüber 
ift i^m baljer im eigenften ^ntereffe anzuraten, benn ber Uneingeroeiljte 
fann nidjt ermeffen, roie roett ber 23tinbe felbft für fein SSer^alten oer= 
antroortlid) gu machen ift unb raie raeit fein ityftanb befonbere Kon^effionen 
er^eifd^t. 3n biefer £infid)t fönnten bie Eqiel)ung3 auftauen äußerft Er= 
fprießtiäjeä rairlen, raenn feiner unb Ergieljer biefer fo rein menfcpdjen 
unb oerftänbtidjen ©cfyroäcfye oon Anbeginn an Dünung tragen unb if)r 
bie notraenbigen ^ügel anlegen roürben. 



8. Der blinde unb feine Stiftungen. 

r ^\ ie 8eiftungs>fäl)igleit bes> ^ölinben ift im atigemeinen raeber in lörper= 
^^ lieber nod) in geiftiger Segieljung befonberen Etnfcljränlungeu unter= 
roorfen, folange e3 fiel) ntcr)t barum Rubelt, oorne^mlic^ ©eljroaljrneljmungen 
gu oerroerten ober bas> 2luge als> notraenbtgeö Kontrollorgan gu benutzen. 
S9ei ipanb fertigleiten lann aber aud) Ijier ba3 l^oc^entraicfelte £aftgefüf)l 
einen faft ooltraertigen 2lu3gleicf) fdjaffen. ©o Ijaben mir unter htn 23linben 
rec^t gezielte glec^tarbeiter, oeiter, 23ürftenbtnber unb <3cl)reibmafcf)inen= 
fd)reiber, $)ie Erfahrungen mit ben Kriegäblinben Ijaben gubem ergeben, 
bafy biefe trotj be3 oerlorenen 5lugenlic^te§ aud) roeiterfjin in ifjren bt§= 
Ijertgen berufen at§ Sanbrairte, ©ärtner, ©djreiner TOaffeure unb bergt, 
tätig fein lönnen unb babei fc^on nad) oerf)ättnis>mäßig furjer 3 e ^ e * ne 
erftaunttdje ®efd)tcflid)leit an ben £ag legen, 

^od? geringer finb bie natürlichen «Sdjranlen, bie ben geiftigen 25e= 
rufen gebogen finb. 3»a rair lönnen fogar behaupten, baß fie bie eigent= 
tid)e Domäne be§ stürben bitben. Er oerfügt über bie nämlichen 
©eifteSlräfte roie ber ©eljenbe unb lann fid) mit gleichem Erfolg gum 
^ftufiler, ©eleljrten ober ©djriftfteller Ijeranbitben. 2ludj bei iljm roirb 
lebiglid) bie inbioibuelle Begabung ben 2lus>fdjlag geben. 

Eine anbere grage bleibt e3 naturgemäß, ob er nid)t ein roeit 
^ö^ereö Wa% oon gleiß unb Energie aufroenben muß, bis> er in ben 

29 



©taub gefegt ift, eS feinen fefjenben gaajgenoffen in allen Stücfen gteid)= 
Zutun. £)iefe grage muB unbebingt bejaht roerben, benn bie Hilfsmittel, 
über bie ber blinbe Äunftjünger ober Stubent oerfügt, finb roeit geringer 
an Qaty unb erforbern bie größte Intelligenz unb TOIjeraaltung* 9?ament= 
litt) rairb bei aller ©eifteSarbeit baS ©ebäd)tniS in befonberem ^caßftab 
in 2lnfprua) genommen, roeit ber 33linbe ber §auptfatt)e nad) barauf an= 
geroiefen ift, auS betn gefprodjenen Söort $u lernen unb fia) biefeS 
einzuprägen; Dennod) nimmt bie 3 a ^ Derer ftanbig zu, bie als 23linbe 
©nmnafium unb §od)fd)ule befugen, beren 3* e * f* e geroölmtid) innerhalb 
ber üblichen griften erreichen. ES fann niajt bie Aufgabe biefer @a)rift 
fein, bie ungeheueren ©dnoierigfeiten, bie ber 9ttd)tfel)enbe auf biefem 
2ßeg ju überminben §at, im einzelnen aufzuzählen unb zu raerten ; mir 
raollen unS mit ber geftfteEung begnügen, ba§ fie oorljanben finb unb 
mit anerfennenSroerter 2BillenStraft fiegreirf) begmungen roerben. 

3e meljr 3ftüf)e man aber an ein Sßerl raenbet, umfo lieber unb 
teurer roirb eS einem, fo bag mir eS nur begreiflich finbeu fönnen, roemt 
ber 33linbe auf feine enblidj erungenen Erfolge boppett ftolj ift, gür 
ilm bebeutet ein beftanbeneS 5lbiturienten= ober ^)o!torejamen nod) oiel 
me^r als für feine feljenben Kollegen, bie bamit nichts AufsergeraöljntidjeS 
geleiftet Ijaben. Unbemu^t erroartet ber blinbe nun aber aud) oon ber 
feljenben $ftitraelt eine 2Bürbigung feiner Seiftungen nad) bem befonberen, 
nur für üjn anroenbbaren ^Jtaftftab, roobei er allerbingS auS fanget an 
SßerftanbniS nid)t fetten geroiffe Enttdufdjungen gu erleben §at. ^ielleidjt 
urteilt Ijier ber 33tinbe in ber £at geregter als feine übrigen TOtmenfdjen, 
bie enttoeber ba^u neigen, bie roirftia) überrounbenen ©dnmerigfeiten gu 
unterfttjd^en, ober anzunehmen, man Ijabe bem sßlinben burd) eoentueUe 
Erleichterungen bie Erreichung feines Qidtä n *$t a ^S u fc^tüer gemalt 
33eibe Annahmen finb auf ba§ entfdn'ebenfte zu befampfen, ba fia) ber 
Uneingeraei^te räum eine SSorftettimg baoon ju machen oermag, roeldjer 
Sfteruenanfpannung unb SluSbauer eS bebarf, bis ein 23linber feine ©tubien 
ooltenbet fjat, ba aber audj anbererfeitS unfere ftaatlia)en ^rüfungS= 
orbnungen unb Sftegulatioe perföntidje AuSnaljmen, Ut als Erleichterungen 
angefprodjen zu roerben oerbienen, überhaupt nid)t zulaffen. 

£)aS bisher ©efagte gilt nidjt nur für ben Sernenben, fonbern aua) 
in ootlem 3Jla§ für ben in geiftigen berufen erraerbStätigen 33linben, 
beffen IjeigefteS 23emü!jen banaa) fteljt, nur ^ollroertigeS gu leiften unb 
nidjt hinter feinen feljenben gad)genoffen zurückzubleiben. 2lud) bei ber 
Erreichung biefeS Ijoljen QitltZ bebarf eS für ilm boppelter 5lnftrengung 
unb boppelter Konzentration, foba§ bei gleichen Erfolgen ber blinbe 
boc^ immer berjenige ift unb bleiben roirb, beffen Seiftung eine Ijöljere 
Anerkennung beanfprudjen barf. J)er 33linbe ift fidj biefer ©abläge ooll 

30 



beraubt unb rennet unroillfürtitt) mit iljr bei feinen ßebengpldnen unb 
Hoffnungen* 2ßenn er aud) immer raieber betont, feine Sonberftellung 
einnehmen unb nur „gered)t" beurteilt roerben gu motten, tiefem 2Ser= 
langen gang objecto gu entfpred)en, ^ie^e, baZ alte lateinifd)e Spri'djraort 
„fummum iu3 eft fumma iniuria" toieber aufleben gu laffen, benn bk 
raafjrljafte ©eredjtigfeit fe^t eben bod) oorauS, ba§ man nid)t an bem 
2lugenfd)ein, an ber Dberftädje, haften bleibt, fonbern alle Vegleiterfd)einungen 
mit in 23etrad)t giel)t, £)a3 „TOtleib" mit bem „Vtinben" brauet Ijiers 
bei abfolut nirfjt mitgufpred)en, fonbern nur bie oerftänbniSootle äßürbigung 
ber Verpttniffe, unter benen er bas> ©teilte leiftete, ba§ 2lnbere mit 
gefunben Singen guioege brauten, Vielleicht ift ber Vlinbe in biefem 
^ßunft etraas> überempfinblid) unb neigt bagu, gelegentlich entgegengebrachtem 
Sonberintereffe fatfd) auflegen. 

2öeil er aber bie gehabten 2ftüljen unb Sajroierigfeüen felbft am beften 
lennt unb bemgemdjs feinen ©rfolg gu inerten oermag, befi^t er ein ftarfeä 
Setbftoertrauen, ba§ ilm ermutigt, fid) an alle möglichen Verufggroeige 
Ijerangutoagen. Seiber rairb er in biefem erfreulichen Streben oon Ve= 
körben unb ^ublifum nur in ben fetteften gätlen rairffam unterftü^t, 
roeil man fid) nocfy immer nicfyt oon oeralteten Vorurteilen frei gu machen 
oermag, bie tdngft in bie moratifd)e Sftumpelfammer oerpacft fein follten ! 

Viele rairflid) begabte unb teiftungSfäljige Vlinbe fönnen iljre §ctfjig= 
feiten nid)t entfalten, roeil Staat unb ©efettfcfyaft es> ablehnen, ba3 not= 
roenbige ©ntgegenfommen gu geigen! (53 ift bebauerlitt;, roetdje Summe 
oon Sntettigeng nnD ^cttfraft baburd) gur Untätigfeit oerurteilt ift unb 
oerbitternb unb geljrenb auf bie Vtinben rairft, bie mit frifdjem Thxt 
unb unerfd)üttertitt)er Energie barangingen, fid) ein ^tä£d)en in ber 
®eifte3roelt gu erobern. $)er Vtinbe roill nidjtä geftt)enft §aben, er er= 
märtet feine 2lu3na!jmebel)anblung, fülitt aber ba$ dlztyt in fid), gu forbern, 
bafc man i^m roenigftenS bie $cögtict)feit biete, fid) an geeigneter Stelle 
gu betätigen unb feine Seiftungen mit in ^onfurreng gu ftetlen. $)auernbe 
$ftif;erfotge in biefer ^pinfid)t erfd)üttern fein feelifd)e§ ®leid)geroitt)t, 
ftimmen i§n bitter unb roeltfeinblid) gum eigenen Schaben unb bem feiner 
$litmenfö)en. @3 roäre fjodj an ber $tit f Ijier .einmal bie befteljenben 
3lnfid)ten einer grünblid)en Sfteoifion gu untergie^en unb ber Slltgemeinljeit 
alle oorljanbenen $örper= unb ®eiftes>frdfte oorbefjalttog bienftbargu mad)en! 

9tid)t3 brücft ben Vlinben feelifd) fo nieber al3 perföntiaje unb be= 
ruflid)e 3urücffe£ungen um feineä ßeibeng raillen, ba§ ja an unb für fid) 
fd)on fd)mer genug auf i^m laftet, unb beffen £)rucf nid)t nod) burd) Un* 
oerftanb unb ®leid)gültigfeit fünftlid) gefteigert roerben follte, ($r allein 
füljlt bie an iljm begangene Ungered)tigfeit in oottem ^ftafc, benn roo man 
mit i§m Verfuge aufteilte, Ijat er fid) in ber Dfagel beroäljrt. ®Ieid) ben 

3\ 



übrigen $cenfd)en rotfl er ba§ jRed)t eingeräumt Ijaben, fein 23rot burd) 
eigene Arbeit ju oerbienen, bie man ijjm billiger 2Beife ntdjt oenoeigern 
bürfte! 9fäd)t frembeS £ob, fonbern bie felbft erungenen Erfolge roerben 
\fya %\x ftctä neuer 2lnfpannung feiner Gräfte anreihen unb ilm gu einem 
gleichwertigen ®lieb ber ®efellfd)aft machen. 



9. Hetgungen bes 23Iinfcen. 

^I utf) be^ügtid) feiner petfönlicfyen 3ntereffcn unb Neigungen ift ber 23tinbe 
^^ feinen anberen ^aturgefe^en unterworfen als ber Votlfinnige, bei 
beiben rieten fie ftdj ^auptfäd^ttct) nad) ber inbioibuellen Veranlagung unb 
bem Milien, bem fie enftammen- üftur einige flehte 58 efonb erteilen bürften 
bei bem 23tinben auffällig erflehten, raenngleid) fie fict) au§ unferen bi3= 
^erigen ^lugfü^rungen genügenb erflären taffen* ©r legt nämlid) im 
SDurct)ftf)nitt ein erftaunlid)e3 3>*itereffe für tedmifaje unb naturtoiffenfd)aft= 
lid)e £)inge an ben %ag, obmofjl ü)m biefe roegen ber mangelnben 5ln* 
fdjauung nur fe§r befdjränft gugänglict» finb. Selbftoerftänblid) barf bem 
33tinben nid)t ba§ 3fod)t abgefprodjen toerben, fid) über bie neueften fc 
rungenfdjaften unferer Ingenieur fünft, (^emie Pjjnfit 5 unb 2lftronomie $u 
informieren unb fid) aud) in biefer ©inftdjt eine allgemeine 33ilbung an= 
zueignen, aber e§ mutet bod) ben gernftefjenben fettfam an, wenn er l)ört, 
ba§ fid) einzelne 53linbengeitf^riften faft au3fd)liej}tid) biefen ©ebieten 
raibmen unb s 2luffät^e in ^unftfdjrift erfreuten laffen, bie immerhin nittjt 
gang unerhebliche naturroiffenfdjaftlidje Vorlenntniffe gur 23orau3fe£ung 
Ijaben. ^camentlia) aftronomifdje Klaubereien finb e§, bk mit befonberem 
3ntereffe entgegengenommen roerben, trotjbem gerabe Ijier bit 23orftelIung§= 
möglid)feiten äu^erft unootlfommene fein muffen. 5ßer nie einen ©tern= 
Ijimmel mit eigenen klugen fa§, roer nie bie unterfa)ieblid)e £id)tfarbe oon 
(Sonne, s Dxonb unb $)car§ felbft gu ernennen oermodjte, rotrb fid) fd§ted)ter= 
bingä autt) feine gutreffenben Vorftellungen oon ringförmigen ®onnen= 
finfterniffen, $lanetenfd)roeifen unb bergt machen tonnen. Unb bennod) 
lieben rooljl bie meiften Blinben bie Slftronomie unb unterhalten fid) gern 
über bie fragen, bie mit ifjr in ^ufammenljang fteljen. 2Ber al3 oeljenber 
einmal ©elegenljeit I)atte, folgen ©efprädjen ju lauften, roirb oiet= 
leicht $Mtäd)ft btn Jlopf gefd)üttett, bann aber balb gemerft Ijaben, ba£ 
ber 23linbe roeit baoon entfernt ift, etnfad) ba3 ©elefene rntiftoä nad)gu= 
fpred)en, fonbern ba^ er fid) über ©in^el^eiten aud) eigne 3»been hilbtt f 
bie graar oielfad) tttdjt jutreffenb finb, bod) aber oon einer regen ®etfte§= 
tatigfeit geitgen. 

32 



2öte erflären mir uns> biefe3 fdjeinbar gan$ raiberfpredjenbe ^Ijdnomen? 
2öir möchten groei .gauptgrünbe ats> mitrairfenb erachten, menn mir aud) 
baoon überzeugt finb, mit il)nen ba3 Problem nid)t oottftänbig erfd)öpft 
$u fyabtn. ©inrnat mitl ber 23tinbe mögltrfjft über atles> unterrichtet fein, 
um in feinen Äenntniffen unb feinem Unterlmltunggftoff nid)t hinter ben 
©e^enben ^urücf ^bleiben unb biefen als etraa§ „23efonbere§" aufzufalten* 
Sööeil man nun aber im allgemeinen ber 2lnfid)t ift, ba§ alle jene Gebiete 
bie fid) unmittelbar auf optifdje Sßaljrneljmungen grünben, fernab oon ber 
Sntereffenfp^äre be§ 23tinben liegen, bereitet e3 biefem eine befonbere 
Genugtuung, aud) I)ier auf bem ^pian gu erfd)einen, gu überrafd)en unb 
feine ötinbljeit geraifferma§en $u verbergen. 2ltterbing3 erreicht ber 23linbe 
auf biefe 2öeife feinen groecf nur unooftfornmen, raeit il)m eben bod) rcct)t 
enge ©renken gebogen finb, bereu mittf ürtitt)e Ueberfdjrettung i^n manchen 
Gefahren augfe^t, benen er beffer au§ bem 3öeg gefjen fottte* 2öenigften3 
mügte ber 23linbe bei berartigen ©efprädjen mit ©eljenben feine eigenen 
Spekulationen möglidjft gurüdljaften unb fiel) umlieft barauf befct)ränfen, 
Belehrungen entgegenzunehmen unb auf Gebieten ju oerraeilen, bie mein* 
tljeoretifd)en (S^arafter tragen* 

5lts> graeiten 23eroeggrunb für bie 23efd)äftigung mit ber £immet3= 
funbe unb oerraanbten 2Biffens>gebieten tonnen mir ben Umftanb anfeljen, 
ba§ biefe meljr aU eine anbere T)ifijiplin bie ^antafie anregen unb Stoff 
gu fpetutatioem £)enfen bieten, £)a ift beifpietämeife bie grage ber 9$e= 
rcofmbarteit anberer |)immets>torper, bie eine geraiffe ^Romantif in fiel) 
fcfytieftt, ba finb bie aftrotogifdjen 9Jft)fterien ber früheren 3al)rl)unberte 
unb üieteä Rubere, ba3 ben Blinben ^um ^acl)ben!en anregt unb feinem 
©e^irn für bie ^lu§eftunben mannigfaltigen Stoff bietet ©egen biefe 
2lrt ber 2lu3tegung werben Diele Blinbe, bie fid) bura) fie „getroffen" 
fügten, berebten äöiberfprud? ergeben, benn fie fetbft tonnen fid) oft nid)t 
oöttig ^ted)enfd)aft barüber ablegen, warum gerabe jene Sßiffenä^meige 
eine fotct)e 2ln£ieljung3fraft auf fie ausüben. £)as, mag oon üftatur ber 
eigenen 2$al)rnel)muug entrütft ift, birgt gan$ befonbere steige in fiel), 
ir>a3 un§ ja aud) ba3 Beifpiel ber £aubbttnben §eten fetter beroeift, 
bie fiel) gelegentlich über bie 9ftufif unb bamit oerbunbene dfif)ettfd)e (£m= 
pfinbungen geäußert ^aben folL @S liegt fomit ein geraiffeä feelifd)e§ 
Iftatfel oor, beffen entgüttige Söfung einer fpdteren 3 C ^ oorbetjatten ju 
fein fd)eint. 

$on ber ausgefprod)enen Vorliebe für s ^oefie unb £onfunft mar 
fapit an anberer ©teile ausführlich bie Jflebe; mir fönnen biefe at§ 
bie §auptpaffion be§ 33linben be^eidmen, roenn mir ba^ 3ul)ören &** 
3Sorlefungen mit einbegreifen. 3n 33e^ug auf 8e£tere3 oermag ber 33tinbe 
eine gerabegu erftaunlid)e 3lu§bauer $u beroeifeu, bie für ben aufcerorbent= 

33 



liefen junger nad) (Seiftegnaljrung ein berebteg 3 eu 9 n ^ ablegt. 2lller= 
bingg muß iljm bie Stimme beg $orlefenben fnmpatfjifd) fein, roofür mir 
bereits früher einige (Srflärungen beibrachten» 

2lud) ein ftarfeö Siebegbebürfnig tritt ung in ber D^egel bei bem 
23Iinben entgegen, Wtfyx alg Rubere fefmt er fia) banad), eine eigene 
gamilie gn grünben, um in iljrem Sdjoß eine oerftänbnigooUe gürforge 
gu finben, bie ben burd) fein Seiben bebingten 33efortberr)etten in taftooller 
28eife Oteäjnung tragt. 2öir treffen ba^er §äufig auf W Neigung, vtx- 
Ijältnigmäßig frü^eitig @Ijen ei%uge^en, mag oorneljmlidj ben männ= 
liefen blinben nid)t allgu ferner fällt Die blinben $ftäbd)en finb in 
biefer £mfid)t raeit fdjtedjter gefteltt, benn fie finb tro£ aller 23emül)ungen 
bod) nur gum geringen £eit in ber Sage, ben x $la£ als Hausfrau aug= 
anfüllen, mag für fie naturgemäß bag größte ©Ijelunbernig bebeutet, 
Daß üiele btinbe Männer bagu neigen fid) mit blinben $ftäbd)en 31t ocr= 
heiraten, ift p(qd)ologifd) graar üerftanbltdj, aber praftifd) betrachtet, eine 
§ödjft bebauertitije (£rf Meinung, bie im 3ntereffe ber beteiligten felbft oon 
(Staat unb ©efellfdmft nad) Gräften ^intangebalten raerben follte* ^ä^ere^ 
über bie erotifdjen (Jmpfinbungen beg blinben baqulegen, muffen mir 
ung an biefer Stelle oerfagen, meit bieg bem allgemeinen (Sljarafter, 
ben biefeSctjrift nun einmal tragen foll, miberfpredjen mürbe. 

Weitere ©tgentümüdjfetten ber Neigungen mären nid)t auf^ugäljlen* 
Der 33tinbe ift in ber s Jtegel nidjt meljr unb nid)t raeniger gefetlig alg 
bie anberen $ftenfd)en; audj er ftrebt banad) fid) bag Seben tunlidjft er= 
träglid) unb angenehm gu geftalten, roobei er allerbingg auf Zieles ju 
oergitijten lernen muß. 



\0. Das Craumleben bes Blinben. 

Pielfad) ift bie Streitfrage erörtet rcorben, ob unb in raie raeit im 
Traumleben beg blinben ber ©eficfytgfinn eine Dfolte fpielt, in ©onber= 
Ijeit, ob ber 33linbe im £raum 3U fe^en oermag. 2ßenn über biefen ^unft 
eine Einigung bisher noa) nidjt ergießt roerben Fonnte, fo liegt bieg raoljl 
Ijauptfäd)lid) an ber mangelnben 3 rae ^äßig!eit bei ber 23en)eigmaterial= 
fammlung. ^ßfndjotogen roie 2leqte t)aben Ijäufig 33linbenanftalten befugt unb 
bie t)erfcr)teben(ten Zöglinge, ^inber unb (Srroacfyfene, nad) biefer #tid)tung 
ausgefragt unb naturgemäß bie roiberfpredjenbften 2Intraortm erhalten. 3 U 
einem roirflid) brauchbaren unb tmffenfdjaftlid) einroanbfreien Material 
fann man aber nur bann gelangen, raenn man bie $u befragenben 3öglinge 
nad) brei ®efid)tgpunften gruppiert: ^n 23linbgeborene, alg ^inber (Sr= 
btinbete (oieHeidjt big gum geinten ^afyx) unb in Spätererblinbete. 

3^ 



tiefer fachgemäßen Einteilung roerben aud) bie Dfcfuttate entfpredjen. 
Blinbgeborene, bie alfo niemals irgenbraetdje ©efidjtSeinbrücfe in fid) auf= 
nehmen fottttten, fönnen natürlich audjj im ^raurn ntd^t fefjen, benn raic 
roir fdjon gang gu Eingang biefer ©djrift anbeuteten, verarbeitet baS <&v 
Ijirn roäljrenb beS ©djlafeS nur Borfteüungen, 'oit es früher einmal ocr= 
mittelft ber (Sinnesorgane gugefüljrt erhielt- §)emnad) fönnen bem 33linb= 
geborenen aud) niemals garbenbegriffe ober bergt gum Beroußtfein fommen, 
^öd^ften^ oermag er oon iljren Benennungen auf ©runb beS ©efyörtcu gu 
träumen» 

Sei benjenigen Blinben, bie üjr 2lugenlidjt im ^inbeSatter oer= 
loren, liegen bie Berljältniffe fdjon anber§. £)iefe ^erfonen oerfügen 
meift über eine geroiffe 2lngaljl gewonnener @efid)tSeinbrücfe, bie felbft= 
berftänblidj im £raum raiebergufeljren oermögen, erfahrungsgemäß aber 
mit bem guneljmenben 9ltter oerblaffen, rcie e§ aud) mit ben übrigen 
^mbljeitSerinnerungen gu ge^en pflegt. $)abei ift eS nid)t immer leicht, 
auSeinanber gu galten, ob eS fid) bei ben £raumbitbern tat(äd)tid)tid) um 
felbftgeroonnene Einbrücfe Rubelt, ober ob fidj mit biefen im Sauf ber 3eit 
©efjörteS oermifdjt §at. 

Bei bem ©pätererblinbeten liegt bagegen nid)t ber minbefte ©runb 
nor, an einer TOtrairlung beS ®efid)tS bei ben £raumbilbern gu graeifetn* 
5Die bieSbegügtid)en Einbrücfe unb Erinnerungen fi^en bei if)tn fo tief unb 
feft, baß fie felbft nod) nad) bieten Sauren um>erroifd)t fmb. £)abei ift 
als befonberS Ijeroorftedjenbe Xatfac^e gu ermähnen, baß meift ber le£te 
@efid)tSeinbrucf, ben jemanb unmittelbar oor ber Erblinbung Ijatte, am 
beuttidjften aufberoaljrt mirb unb fid) burd) feine anbere Erinnerung öer= 
brangen lagt. 

§ür baS Seelenleben finb biefe §ragen ntd)t oljne tiefergefjenbe 33e= 
beutung, benn bie atlnädjttidjen Iraumbitber fönnen oerföljnenb roirfen, 
ober aud) bagu beitragen, ben ©djmevj um baS oerlorene 2lugentid)t 
immer roieber aufgufrifdjen, je nad) bem Xemperament beS Eingetnen unb 
ber grift, bie feit bem Eintritt beS Unglücksfalles oerftrid)en ift. 3 n tiefem 
3ufammenfjang fei fd)ließtid) nod) ermähnt, ba$ nidjt alte oöKig Erbtinbeten 
eine abfotute ginfterniS oor btn klugen empfinben- Bietfad) tritt an 
bereu ©teile dn gleichmäßiges ®rau, baS entraeber unberaeglid) feftfteljt, 
ober nrie ein s Jlebel Ijin= unb Ijerroogt. $)iefe Erfdfjemung ift oon äußerem 
ßidjt unb ginfterniS ooöfommen unabhängig unb fann fomit auet) burd) 
nidjtS f ünfttidj beeinflußt werben, eS fei benn burdj medjanif d)e Einmirfungen 
auf ben ©ebnere, rcie e§ bei Operationen oorfommt, tooburd) bann bti^= 
ä^nlic^e ßic^tempfinbungen entfielen. 

35 



hieraus föntten mir erfefjen, baß bcr 23linbe aud) §injid)tüdj feines 
Traumlebens feinen anberen ©efe^en ber s $fr)d)ologie unterworfen i% 
als ber 93ottftnmge, baß eS ftdj gutn minbeften nie um prinzipielle; fonbern 
$öd)ften§ um grabuelle Unterftfjiebe Ijcmbelt 



ScfyIu§a>ort. 

"\!5 ei bem apljoriftifdjen (S^arafter, ben bie Dorfteljenben Darlegungen 
^-^ tragen, ergeben mir feinertei 21nfpruct) barauf, etwas 2MftänbigeS 
ober G£rfcl)öpfenbeS geboten gu Jjaben* Unfer einziges $iel, Da * roir im 
2luge Ratten, mar, für bie Allgemeinheit aufflärenb gu wirfen unb ben 
Jyarf)niann gu einge^enberen pfudwlogifcljen gorfdjungen anzuregen. Dabei 
wirb eS oon ber Aufnahme, bie man biefem Sd)riftd)en bereitet, abhängen, 
ob rair raeitere ©pe^iatftubien folgen laffen, bie naturgemäß trttereffante 
(Sin^elfragen beffer gu erhellen oermögen, als ein allgemeiner Abriß. 

2öenn eS unS gelungen fein follte, bie Aufmerffamfeit weiterer Greife 
auf baS Seelenleben beS 33tinben unb feine Sonberbebürfniffe l)ingelenft 
ju §aben, wollen rair unfere erfte Aufgabe als gelöft betrauten unb oer= 
trauen, baß bod) baS eine ober anbere^Bort, baS gefagt raurbe, auf fruchtbaren 
33oben fiel unb jum Segen ber ^Btinbenraelt auSfa)lägt, bereu SoS nod) 
immer fein beneibenSwerteS ift, tro£ ber mannigfachen gürforgeorganifationen, 
bie roä^renb ber legten 3a^r.ge§nte inS ZtUn gerufen würben. Die 3eit muß 
enbltct) fommen, ha man ben SBlinbcn tttdjt meljr auSfcpeßlidj als gürforge= 
objeft betrautet, fonbem ü)n als Genfer; mit allen feinen geilem unb 
3?orgügen wertet unb üjm bie gleiten dttfytt einräumt, bie man für fid} 
felbft beanfprudjt. ^um minbeften muß ber oerberblidje Aberglaube befeitigt 
werben, baß ber Sltnbe bura) fein Öeiben ^u einem pft)d)ologifdjen gremb= 
ling in ber @efetlfd)aft geftempett wirb, beren oollgültigeS $Ritgtieb er fein 
möchte unb aud) tätfadjltdj ift. 

Der $erfaffer würbe eS banfbar begrüßen, wenn u)m gelegentliche 
Meinungsäußerungen auS bem SeferfreiS jugingen, bie gan§ befonberS ba= 
ju berufen fein fönnen, neue Probleme an^ufttjneiben unb bie bisherigen 
gorfdjungen gu erweitern unb ju uertiefen. 



36 



BF233 Gerhardt, Ferdinand c. 1 
G315 von. Aus dem seelenleven 
des blinden. 



DateDue 












































\ 



























































J^no^ortt 



Newark ■ Los Angeles 
Brantford, Ontario